Abfallen_Jan_Skacel

Am 7. November 2019 jährt sich der Todestag von Jan Skácel, er starb vor dreißig Jahren in Brno. Der Dichter Skácel weckte in mir den Wunsch, Tschechisch zu lernen. 

Das zog mich - nach dem Fall der Mauer in Berlin, nach der Samtenen Revolution in Prag - von Frankfurt nach Prag. Gebunden an die Sprache des Dichters wurzelt meine Sehnsucht in der Gegenwart, mehr in Zukünftiges hinein als in Vergangenes. Zeitlos wie Jan Skácel. Milena Findeis 

 

Kleine Rezension über das Abfallen

Jan Skácel aus dem Tschechischen übersetzt von Christa Rothmeier, veröffentlicht in Das dreizehnte schwarze Pferd, Wieser Verlag

 

Nach dem gestrigen Tag sah ich nicht glänzend aus. Warum, das geht keinen was an. Aber er schaute zu mir auf wie in die Krone eines Ringlottenbaumes im November und erklärte: “Du fällst ab. Du wirst wahrscheinlich bald sterben.”
(Er mußte weit emporblicken und den Kopf weit rückwärts beugen, weil er mir kaum bis zur Taille reichte und knapp zehn dividiert durch zwei war.)
“Natürlich werde ich einmal sterben, das geht nicht anders. Ständig werden neue Kinder geboren, und wir würden bald keinen Platz auf der Welt.”
Er grübelte.
“Jeder muß sterben?”
“Jeder. Alle fallen einmal ab.”
Er grübelte weiter. Versank in tiefes Grübeln.
“Ich auch?”.
“Du auch. Aber du hast bis dahin noch genug Zeit. Zuerst mußt du in die Schule gehen, irgendein Handwerk erlernen oder studieren, dann findest du dir eine Mama und wirst Kinder haben, du wirst sie erziehen, damit sie brav sind und keinen Ärger machen.”
Er spürte aus meinen Worten einen Vorwurf heraus, wurde mißmutig und sagte:
“Ich werde nicht sein wie ihr. Ich werde lieb zu ihnen sein, auch wenn sie nicht folgen.”
Dieses Belehren ließ ich lieber bleiben.
Wir gingen weiter durch eine Straße, die eben und gerade war, wie es das Leben nie ist, und ich fiel im Gehen ab. Ich fühlte es deutlich.
Es kam ihm zu Bewußtsein, daß ich auffällig verstummt war, er versank in noch tieferes Grübeln und grübelte sich durch zu einem gewissen Mitleid:
“Aber du hast immer noch genug Blätter.”
Ich dankte ihm im Geist für diese Worte und drückte ein Auge zu, als ich mit dem neuen Schuh in einen Ziegel stieß. Wahrscheinlich hatte ich beide zugedrückt, weil er mich aufmerksam machte:
“Gib acht auf den Weg.”
Wieder fiel ich ein bißchen ab.
Na und dann zog er mich zu einem Schaufenster, in dem Farbphotographien von Sputniks und Raketen ausgestellt waren. Er betrachtete sie aufmerksam und erklärte mir geduldig die technischen Details, die mir ein spanisches Dorf waren.
Auf dem Heimweg grübelte er weiter, und im Aufzug fragte er mich mit einer Sorgenfalte auf der Stirn:
“Als die ersten Raketen ins Weltall starteten, sind da schon Straßenbahnen gefahren?”

In diesem Moment entfaltete sich der Herbst in mir, und ich fiel ganz ab.

 

Malá recenze na opadávání

Jan Skácel - Třináctý černý kůň, Blok  
Ke 30. výročí úmrtí Jana Skácela, které připadá na 7. listopad 2019.

Vypdal jsem pro včerejšku všelijak. Proč, po tom nikomu nic není. Ale on vzhlédl ke mně jako do koruny ryngle v listopadu a prohlásil:
“Opadáváš. Asi brzo umřeš.”
(Musel velmi vzhlédnout a hodně zvrátit hlavu, protože mně byl sotva po pás a bylo mu necelých deset lomeno dvěma.)
“To víš, že jednou umřu, jinak to nejde. Pořad se rodí nové děti a záhy bychom se na svět nevešli.”
Hloubal.
“Každý musí umřít?”
“Musí. Všichni jednou opadají.”
Hloubal dál. Hloubal hluboko.
“Já taky?”
“Ty také. Ale máš na to dost času. Napřed musíš chodit do školy, vyučit se nějakému řemeslu nebo vystudovat, potom si najdeš maminku a budeš mít děti, budeš je vychovávat, aby byly hodné a nezlobily.”
Vytušil v mých slovech osten, zasmušil se a řekl:
”Já nebudu jako vy. Budu na ně hodný, i když nebudou poslouchat.”
Raději jsem toho poučování zanechal.
Šli jsme dál ulicí, která byla rovná a přímá, jak život nikdy není, a já jsem opadával v chůzi. Zřetelně jsem to cítil.
Uvědomil si, že jsem nápadně zmlkl, hloubal ještě hlouběji a dohloubal se jakéhosi soucitu:
“A pořád máš ještě dost listů.”
Poděkoval jsem mu v duchu za ta slova a zamhouřil oko, když čutl novou botou do cihly. Asi jsem zahmouřil obě, protože mne upozornil:
“Dávej pozor na cestu.”
Opět jsem trochu opadal.
No a potom mne zatáhl k výkladní skříni, ve které byly vystaveny barevné fotografie sputniků a raket. Bedlivě si je prohlížel a trpělivě mně vysvětloval technické detaily, které mi byly španělskou vesnicí.
Na cestě domů hloubal dále a ve výtahu se mne zeptal s ustaranou vráskou na čele:
“Kdýž startovaly do vesmíru prvni rakety, jezdily už tramvaje?”

V tu chvíli se v mně otevřel podzim a opadal jsem docela.

Tagesrandbild

Lichtstreifen

17.11.2019 Die Erinnerung, 30 Jahre nach Beginn der Samtenen Revoltuion auf einer Prager Wiese am 17. November 2019. "Und nochmals die Liebe" Jan Skácel "inwendig zu schauen und die Augen zu schließen und dennoch zu sehen"

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Peter Handke und der Literatur-Nobelpreis

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