"Griffen, wie es früher einmal war" ein Streifzug durch das Griffener Alltagsleben am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aufgezeichnet von Valentin Hauser

 

Willi Kummer, Valentin HauserRecherchen im Kärntner Landesarchiv und dem Archiv der Marktgemeinde Griffen sowie die Befragung von 150 Personen und die Aufzeichnungen von Hans Kunzer (1901 – 1984) waren für Valentins Hauser 183seitiger Chronik von Bedeutung: »Kunzer hielt seine Griffener Kindheitserinnerungen schriftlich fest. In seinen Aufzeichnungen finden sich viele Details über das Leben der Marktbewohner um 1910.«

Beim Lesen des Buches von Valentin Hauser taucht die Welt der eigenen Großeltern aus den Erinnerungen auf. Worte wie "Farant" (Feierabend, Seite 10) die Holzbänke vorm Haus, auf dem Hof, am Waldesrand. Als Kind verweilte ich dort abends für einen Plausch mit den Bekannten der Großeltern. Wie die Kinder im Buch bin ich über den zugefrorenen Teich geruselt. Die Mithilfe der Kinder im Haushalt, mir erinnerlich der abendliche Besuch beim Bauern, die Milch wurde frischgemolken in einer Kanne heimgetragen. Ein Teil wurde von der Großmutter gekocht, der andere ins Fenster gestellt um Sauermilch zu machen.

In Griffen war ich 1995 zum ersten Mal, bei einem Freund dessen Hof den Vulgo-Namen "Kirnig" trägt. Vor hundert Jahren stand dort einmal eine Keusche, die in den 90er Jahren umgebaut worden ist. Valentins Griffen Chronik entnehme ich, dass ab 1.1.1910 Kronen und Heller Zahlungsmittel waren "kaum Vertrauen in Papiergeld" und dass zwei Drittel der Menschen in Griffen von der Landwirtschaft lebte. Der Kaufmann Ručigaj im "Narodni dom" hatte an Wochentagen von von 6 bis 20 Uhr, sommers, und von 7 bis 19 Uhr, winters (anstelle der Sommerzeit gab es damals saisonbedingte Öffnungszeiten) und an Sonn- und Feiertagen von 8 bis 12 Uhr geöffnet - mit Ausnahme der vier Normatage: Neujahrstag, Ostersonntag, Pfingstsonntag, und Christtag. In Tschechien, hier lebe ich seit 1991, wird trotz EU-Mitgliedschaft, nach wie vor in Kronen bezahlt. Das Slowenische ähnelt dem Tschechischen. "Wenn Einheimische ein Glas Wein bestellten, greifen sie zu einem Wörtergemisch im slowenischen Dialekt »Prinesi mi an firttl Luttenberger, pa ne Heckenklešarja«. Zu Deutsch »Bring mir ein Viertel Luttenberger, aber keinen Heckenklescher.« Heckenklescher war eine abwertende Bezeichnung für einen sauren Wein."

Schlossberg GriffenDer Griffener Schlossberg, die um 1100 von Bamberger Fürstbischöfen erbaute Burg wurde im 16. Jahrhundert zur Zeit der Türkenbedrohung mit Verteidigungsanlagen und Schalentürmen erneuert. 2000 ging der Schlossberg mit der Burgruine und der Tropfsteinhöhle im Inneren des Schlossbergs in das Eigentum der Marktgemeinde Griffen über.

1915 wurden 200 Übernachtungen von Durchreisenden aufgezeichnet. Neun Gaststätten, vier Gasthöfe mit Übernachtungsmöglichkeiten boten "Sommerfrische in Griffen" an.

SchusterDer Unterschied, zwischen Schuhmacher und Schuster ist: ersterer erzeugt Schuhe, zweiterer repariert sie. Der Geruch von Leder, Klebstoff und Schleifstaub erinnert mich an die Besuche in der Schusterwerkstatt meines Großvaters (Foto aus dem Jahre 1970) in Seiersberg, Steiermark. Valentin Hauser beschreibt die damals betriebenen Gewerbe und Tätigkeiten: z.B Flickschneider, Weißnäherin, Schmied, Köhler, Schlosser, Wagner, Sattler, Spengler (Seite 30), Tischler, Zimmermann, Schindelmacher, Fassbinder (Seite 33), Rechen-, Gabel-, Besen und Reitermacher, Korbflechter, Maurer, Haftner, Töpfer, Herderezeuger, Glaser (Seite 34 bis 35). Erzählt von der harten Arbeit der Taglöhner, der Tätigkeit einer Kripperin: eine Frau, die für Bauern ihre landwirtschaftlichen Produkte am Wochenmarkt verkaufte.

Anhand Valentins Hauser Beschreibungen,  reich bebildert und belegt von in Griffen lebenden Einwohner, wird das Treiben der Vieh- und Krämermärkte lebendig wie Bräuche und Gewohnheiten der Einheimischen: "So manch ältere Bauern und Bäuerinnen gingen gewohnheitsmäßig jeden Mittwoch auf den Markt: »Sie gehen nach Völkermarkt, nur um auf die Uhr zu schauen.«"

Lese, dass im Pfarrhof 1914 Kochkurse abgehalten wurden, welche Gemüse- und Getreidesorten angebaut wurden. Ein Kleinkind als "Popper", "Binkerl" bezeichnet wurde und von Frauen mit auf die Feldarbeit genommen wurde. Was heute die Bezeichnung "Sozial" trägt wurde damals als Armen- und Schubwesen bezeichnet. Ich erfahre, was es mit  einer "Bettlertabelle" auf sich hat. Die Senioren von damals, schlicht "Alte" genannt, fanden, wenn sie keine Familie hatten, im Siechenhaus Unterkunft.

Auf Seite 62 erfahre ich, dass während des Ersten Weltkrieges die Glocken verstummten, da 1917 alle Glocken, ausgenommen der Totenglocke, für militärische Zwecke eingeschmolzen wurden. Auf dem Friedhof, dem Gottesacker werden die Toten beigesetzt: "Trauersalamander fanden nach der Grabbettung zu Ehren eines Verstorbenen statt. Diesem wurden die Gläser nicht auf den Tisch gerieben, sondern lautlos in der Luft bewegt und dann still niedergesetzt. Das Glas des Verstorbenen wurde vom ältesten Anwesenden geleert und es folgten die Worte: »Alle Gläser sind leer, nur eines ist voll. Der es trank, ist nicht mehr. Höre es, toter Bruder, ich trinke Dir das letzte Glas. Wie Dein Leben zerbrochen ist, so zerbreche dieses Glas. Wie Dein Leben verloschen ist, so verlösche dieses Licht. Im Reiche des Lichts sehen wir uns wieder.«"

Das Vereinswesen, beginnend mit der Freiwillgen Feuerwehr 1875 wird beschrieben, wie die Ortsgruppe des Deutschen Schulvereins, die Aufführungen der Liebhaberbühne, der Verschönerungs- und Schützenverein. Die Suppenanstalt, gibt ab 1909 Essen an arme, bedürftige Kinder in der Schule aus.

Ausführlich wird beginnend ab Seite 83 der Nationalitäten- und Sprachenkonflikt beschrieben: "Der Nationalitätenkonflikt in Kärnten, der auch vor der Marktgemeinde Griffen nicht Halt machte, enzündete sich nicht erst am Ende des Ersten Weltkrieges beziehungsweise in der Zeit des Abwehrkampfes und der Volksabstimmung 1920. Den Ausgang der Abgrenzungs- und Ausgrenzungspolitik bildete der von Kaiser Franz Josef I. gebilligte Nationalitätenartikel, der Ende 1887 in Kraft trat. In diesem Gesetz wurde festgelegt, dass alle Volksstämme gleichberechtigt sind und jeder Volksstamm ein Recht auf Wahrung und Pflege seiner Nationalität und Sprache hat. Das Reichsgericht anerkannte, dass den Slowenen in ihrem Siedlungsgebiet in Kärnten die staatsgrundgesetzlichen Rechte zu sichern seien."

Beginnend auf Seite 100 bis Seite 156 werden die Häuser mit ihren Besitzern und Vulgonamen vorgestellt. "Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren im Markt Griffen die Vulgonamen oder Hausnamen wichtiger als die Familiennamen. Man sprach die Bewohner nur selten mit dem Familiennamen an, gewöhnlich rief man sie mit dem Vulgo- und Vornamen. Der Hausname wurde vorrangig nach seiner Lage, nach irgendeinem besonderen Ereignis das sich dort abgespielt hatte, nach den Ruf-, Familien-, oder Spitznamen sowie Beruf des Besitzers bezeichnet. Um 1910 gab es im Markt Griffen und den angrenzenden Ortschaften im Vergleich zu heute recht wenige Anwesen. Die Bautätigkeit ruhte seit Beginn des Ersten Weltkrieges und wurde erst um 1930 allmählich wieder aufgenommen. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges hemmt das Baubewirtschaftungsgesetz die baulichen Aktivitäten, ... Den größten Baumboom erlebte Griffen in den 1950er und 1960er-Jahren, als die Abwanderung der Bevölkerung aus den Berggebieten einsetzte. Landarbeiter oder vom Hof weichende Bauernkinder siedelten sich verstärkt im Zentralraum Griffen an und errichteten dort Häuser."

"Griffen Chronik, Valentin HauserGeschichten aus Griffen" ab Seite 157 und  "Griffener Persönlichkeiten anno dazumal" ab Seite 166 runden die Griffener Chronik von Valentin Hauser ab. Eingeleitet wird sie von Peter Handke

"Lieber Valentin und - Greutschacher - Bua,
statt eines Vorworts: Beim Lesen der friedlichen Momente Deines Werks rund um das alte Griffen - weniger bei den weniger friedlichen rund um die Volksabstimmung (aber anders lesenswerten) - hatte ich die Phantasie, daß alle die verschwundenen Hausnamen, "Vulgo"-Namen von einst wieder gelten und Häuser wie auch Örtlichkeiten heimeliger bezeichnen als die heute geltenden bloßen Familiennamen-Adressen.
Was mich betrifft, so - mein Tagtraum - werden die Hausnamen "Beim Wunder" Altenmarkt 25 (vormals) und "Beim Zottl" Altenmakrt 6 neu eingesetzt und aufgefrischt. Im ersten Haus bin ich geboren und habe die ersten Jahre meiner Kindheit verbracht, eben "Beim Wunder", und im zweiten die letzten Kindheitsjahre, eben "Beim Zottl". Freilich jetzt mit einer Variante: Das Haus, das ich heute bewohne, zwischen Paris und Versailles, hat in meinem Tagtraum den Vulgo-Namen "Beim Zottl-Wunder" beziehungsweise "Beim Wunder-Zottl" bekommen.
Und so schreibe ich hier einen Preis aus: Der Leser oder die Leserin dieses Buchs, der oder die für sein/ihr Haus oder seine/ihre Hütte frisch einen Namen erfindet, der mir (Juror!) als der schönste erscheint, bekommt von mir den "Neuen Hausnamenspreis"! Worin der besteht, bleibt bis zur Entscheidung der Ein-Mann-Jury geheim.

Und so wünscht Dir und den Deinen eine friedliche ZWISCHENZEIT

Dein alter Peter (Handke)
Chaviille, 23. Dezember 2019"

 

Milena Findeis, 28.4.2020

Tagesrandbild

LebensVERlauf

26.11.2010 Der Fülle der Leere ist nichts entgegenzusetzen. Sie ist an meine Stelle getreten. Für unberaumte Zeit.

Zwischen (W) Orte

Backstage am Set

Ohne fein abgestimmte Zusammenarbeit gibt es keine Filmsequenz