Cradle to cradle: Die Natur zeigt, wie wir Dinge besser machen können. Michael Braungart, William McDonough

Am 28. April 2020 lief im Rundfunksender Ö1 unter punkteins die Sendung "Die große Sehnsucht zu reisen". Die morgenliche Ankündigung durch Sonja Watzka hatte mich veranlasst, ein Mail zu senden:


"Die Sehnsucht zu reisen" ist durch die Masse, auf die es die Tourismusindustrie abzielt, nicht zu vermitteln. Gerade weil in meinem Berufsleben der Tourismus im Mittelpunkt gestanden ist, wollte ich privat an Orten verweilen, mir Landschaften ergehen, den Austausch mit Einheimischen suchen.
Seit 1991 lebe ich in Prag, einer Stadt die wie andere vor Corona-Zeiten, von vielen Tagestouristen besucht worden ist. Was dem Einzelnen möglich ist, Austausch zu suchen, wird wenn es als Geschäft vermarktet wird (z.B. Airbnb) zum Bumerang: die Einheimischen werden verdrängt. Entlang der Tourismusmeilen entstehen Geschäfte, die auf den Massenansturm zugeschnitten sind, das Originelle geht verloren. Die sogenannten "Geheimtipps" gebloggt, beworben werden zum Schauplatz für Selfie-Jägerinnen. 
Jene, die bequem Urlaub machen wollen, finden ihr Auslangen mit den Angeboten am Markt, jene, die reisen wollen, werden sich allein auf den Weg machen und diesen für sich behalten ....

In der Sendung wurde unter anderem über die geistige Mobilität gesprochen, die verschiedenen Formen des Reisens. Im Nachhall hat diese Sendung in mir die Sehnsucht nach Begegnungen geweckt. Jenen unbeabsichtigten am Wegesrand, an einem Bahnhof, in einem Wald. Seit Kindesbeinen an, das Wort Urlaub existierte damals wie auch heute für mich nicht, reisen hingegen war und ist für mich mit Büchern verknüpft. Ich konnte auf einer Decke unter einem Baum zwischen den Seiten versinken und war dort, wo ich sein wollte - das wiederum hat sich bis heute nicht geändert.

Ein geplatzter Reifen bringt einen geübten Fahrer dazu, das Gefährt am Straßenrand zu parken, nachzusehen und den geplatzten Reifen gegen das Reserverad auszutauschen. Vorausgesetzt man kann es und hat das hierfür notwendige Werkzeug mit. Danach wird die Fahrt fortgesetzt. Die COVID-19-Pandemie zieht an mir  - wie so ein Reifenplatzer  - vorbei. Seit Wochen beherrscht sie die das Verhalten weltweit, Grenzen wurden dichtgemacht, vieles wurde geschlossen. Räumlicher Abstand, Hygenie wie Händewaschen, das Vermeiden von Ansammlungen - eigentlich nichts, was nicht mit mündiger Eigenverantwortung umzusetzen wäre. Das Ändern von Gewohnheiten. Dass die Hysterie im 21. Jahrhundert solche Blüten treiben kann - macht mich nachdenklich. Dieser Wettbewerb im Vergleichen. In der Anfangsphase hörte und schaute ich mir in den Sprachen Deutsch, Tschechisch, Englisch Nachrichtensendungen an. Digitale Mobiliät allerortens, eine Bilderflut, selten ein Aufflackern einer geistigen Mobilität. 

BonsairentnerinAna Schönsteiner (Bilder rechts) verwendet den Begriff "Bonsai-Rentnerin", als solche gewöhnt frau sich mit  der zur Verfügung stehenden Rente auszukommen. Bestückt mit dieser Erfahrung frage ich mich, wie geht es jenen, die im Moment kein Einkommen haben, jene die keine Lobby hinter sich haben. Die Lebensbedingungen aller zu verbessern, wie dorthin gelangen?

Rückblickend auf den Raubbau an unseren Resourcen, kann es zukünftig um einen Umbau gehen entsprechend der Gebrauchsanweisung von Michael Braungart und William McDonough "Einfach intelligent produzieren": "Wir sollten nicht weniger verbrauchen, sondern einfach intelligent produzieren: in technischen und biologischen Kreisläufen. Zukünftig soll es zwei Arten von Produkten geben, Verbrauchsgüter, die wir bedenkenlos wegwerfen können, da sie biologisch abbaubar sind, und Gebrauchsgüter, die sich ohne Qualitätsverluste - also anders bei bisherigen Recyclingsverfahren - endlos wiederverwerten lassen. Die Natur ist dabei unser Vorbild."

Das knüpft an das an, was ich durch Rupert Riedl lernte: Es geht um jene Schnittstellen entlang der Dinge dieser Welt, wo das Reversible ins Irreversible, umgehend Schützenwertes übergeht, um jene Grenze, wo wir für eine heile Welt und schon für unser Überleben ein anderes Paradigma bedürfen.

 

Prag, 7. Mai 2020, Milena Findeis

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LebensVERlauf

26.11.2010 Der Fülle der Leere ist nichts entgegenzusetzen. Sie ist an meine Stelle getreten. Für unberaumte Zeit.

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Backstage am Set

Ohne fein abgestimmte Zusammenarbeit gibt es keine Filmsequenz