Etwas gemeinsam nutzen, etwas gemeinsam pflegen - diese fein gesponnen Fäden des Gleichgewichts: Geben und Nehmen. 

 

Der Lockdown in Prag hat sich seit 24. April gelockert. Ab 25. Mai sollen Hotels wieder geöffnet werden. In dieser Zwischenzeit Wanderungen und Spaziergänge mit und ohne Kamera. Der Sucher wird vom Atem - durch die Maske - beschlagen. Mit der Kamera vorm Auge blendet sich eine weitere Ebene ein.

Um 3.45 Uhr aufgestanden. Mit der Nachtstraßenbahn 99 bis Slavia gefahren. Die Sitzplätze der Straßenbahn füllen sich mit jeder Haltestation. Menschen in Arbeitsmonturen. Zwei junge Frauen mit Rucksäcken im anregenden Gespräch. Beim Umsteigen in die 22er ist es noch dunkel. Der Blick fällt auf eine hochschwangere Frau, an ihrer Seite ein Begleiter mit Rucksack und Decke. Die 22er ist beinahe voll. An der Station I.P. Pavlova steigt ein Großteil der Passagiere aus. Beim Aussteigen an der Station Národní divadlo dämmert es. Vor mir, entlang des Moldau Fußweges, gehen vor mir die zwei jungen Frauen aus der Straßenbahn. Sie frühstücken im Gehen: Banane und Coca Cola.

Vorbei an der angeblich größten Diskothek Europas (Karlovny Lazne) schwenke ich nach rechts zum Alten Brückenturm. Dort tummeln sich die Tauben. Karlsbrücke. Dieser wegen Überfüllung von mir seit langem gemiedene Ort beinahe menschenleer. In der Stille steigen Erinnerungen auf und mit ihr die Anziehungskraft, die vor drei Jahrzehnten stark gewesen ist.

Ein junger Mann, vom Akzent her aus der Ukraine stammend, hält mir ein Handy hin mit der Aufforderung, ich sollte ihm etwas über diesen Ort erzählen. Er würde ein Video drehen um dieses für eine Bewerbung für eine Agentur zu verwenden. Ich lehne dankend ab. Er spricht noch weitere vier, fünf Menschen an - niemand will etwas in den kleinen Apparat hinein erzählen. Bis auf einen Fotografen verneinen die anderen auf Englisch.

Das Schlendern, Schauen wird von einer hageren Gestalt mit Hut gestoppt: "Fotoshooting". Von einer Freundin, sie arbeitet für Filmagenturen, weiß ich, dass auf der Karlsbrücke für jede Aufnahmen per Stativ eine Genehmigung erforderlich ist und die Gebühren, um für Aufnahmen die Karlsbrücke zu sperren, wenn sie erteilt werden sehr hoch sind. Welches Shooting? Von weitem sehe ich die schwangere Frau von der Station Slavia wieder. Nackt. Gefolgt von der Kamera des Begleiters. Sonnenaufgang gespiegelt am Bauchnabel.

Gegen 6 Uhr nach Joggerinnen und einem Mönch in weißem Gewand, betreten Arbeiter das Gerüst auf der Karlsbrücke, hinter denen sich eine Skulptur befindet. Restaurierungsarbeiten. Zum Niederknien diese Morgenstunde an einem Freitag mitten auf der Karlsbrücke. "Ein Gemeingut oder Kollektivgut ist ein Gut, das für alle potenziellen Nachfrager frei zugänglich ist" laut Wikipedia.

 

Prag, 22. Mai 2020, Augnerin

Morgenstunde, Karlsbrücke

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