Gemischter Satz, Prost!
Audiovisuelles Wettlesen in Corona Zeiten


18.6.2020 Ein Regentag in Prag. An eine Wanderung ist nicht zu denken. Die Post kündet mir die Lieferung von drei Büchersendungen an "im Zeitraum zwischen 8 und 14 Uhr". Die Hausaufgaben der Rentnerin sind bis 10 Uhr gemacht. (Mamas Geburtstag, 81, die von mir genähten Masken, wurden von der Post zugestellt). Der PC wird eingeschaltet. ORF Livestream und Twitter. Ich kenne Klagenfurt ein wenig, an einem Sonntag Abend im November, gibt es einige Lokale die geöffnet sind.

Tex Rubinowitz, Klagenfurt 2014Sommers spurt es anders, vorausgesetzt, die Sonne scheint.
Foto, Klagenfurt, Juni 2014, Tex Rubinowitz (links)


44. Tage der deutschsprachigen Literatur

Klagenfurt,  17. bis 21. Juni  2020

Lesen:


Rote Textstellen anklicken,  lesen: die Originale der PDF Files,
die von den AutorInnen gelesen und durch die Jury besprochen, bewertet wurden. 


Sharon Dodua OtooKlagenfurter Rede zur Literatur 2020


«Wir Schwarzen Menschen können uns in unserer Diversität begreifen und die Bürde der Repräsentation wird leichter. Außerdem wird die deutschsprachige Literaturlandschaft daran wachsen, davon lernen, und wenn sie sich traut, wird sie ihren Horizont erweitern. So oder so schreiben wir Menschen der afrikanischen Diaspora weiter – denn es gibt unendlich viel zu erzählen. Also kommen wir endlich zum Thema des heutigen Abends. Verehrtes Publikum: »Dürfen Schwarze Blumen Malen?« Ja. Je mehr, desto besser. Haben Sie vielen Dank!» 


Jasmin Ramadan, "Ü"

 «Frauen liebten mit größerem Ehrgeiz als Männer, um die Schwangerschaft aushalten zu können, die Geburt, das Leben als Mutter. So waren sie konditioniert und viele Männer nutzten das aus. — Das Leben hatte ihn angegriffen und er ließ sich deshalb einen vergoldeten Kettenanhänger anfertigen, der eine Kalaschnikow darstellte. — Ben war Feminist. Noch immer waren zu viele Frauen bereit, sich alles gefallen zu lassen, um zu einem Mann zu gehören. Das war längst nicht mehr zeitgemäß. — Das Zeug war tückisch, ein trügerischer Ersatz für Glück. Er liebte nicht mehr, er war auf Liebe. Frauen verliebten sich schnell und heftig in ihn. Er sah gut aus, hielt immer eine gewisse Distanz und weinte bei der dritten Verabredung vor ihnen. — Leila, die Schriftstellerin, die ihm immer ein bisschen schlauer vorgekommen war, als er sich selbst, die ihn, trotz ihrer grandiosen Sinnlichkeit, in ihrer Rationalität und der Willensstärke an seinen Vater erinnert hatte.»

 

 

**Lisa KruscheFür bestimmte Welten kämpfen und gegen andere“

Fürgegen«Judith war ganz allein; diese vergessenen Ruinen, die mal ein Schwimmbad waren, Jugendstil, mit Springbrunnen und Schmuck an den Wänden. Goldene Sonnen und steinerne Tiere. Fast alles zerbröckelt.— Viele der Laternen flackerten überspannt, die meisten funktionierten gar nicht mehr. Judith ging schnell, zielstrebig, nicht hektisch. Als würde es einen vor etwas bewahren, wenn die Leute aus der Gangart schlossen, dass man wohin gehörte, dass da jemand wartete, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Jemand, der sich Sorgen machte. Jemand, der suchen würde. Judith ballte die Fäuste in der Bauchtasche des Pullovers. — Judi, wie geht es den Pflanzen? Wie geht es der galaxias? Wie geht es dir? Stell dir vor, hier wird es vielleicht einmal Symbionten geben, die auch Schmetterlingsflügel haben, wie mein Avatar. Irre, was? Wir sprechen viel über Freundschaft als lebensbegleitende, verwandt machende Praxis und wie man sie verfeinern kann. Ich denke dann immer viel an dich.» 

 

 

Leonhard Hieronimy„Über uns, Luzifer“ 

Über uns Luzifer«Wir fuhren mit dem Zug aus Bukarest kommend über die verschneite Baragan Steppe Richtung Konstanza. Was hier vor sich gegangen war, erschien uns schleierhaft: noch nie hatten wir von Mircea dem Älteren gehört, wussten nichts über die Prinzessin Chiajna und Peter mit dem Ohrring, und hatten auch noch nie etwas von Mihnea dem Schlechten und Constantin Brancoveanu gelesen. Und doch hatten alle hier gewütet, sich gegenseitig in Stücke gehauen im Kampf um die religiöse Vorherrschaft in Europa. — Der Zug fuhr durch eine von Donauausläufern überschwemmte Sumpflandschaft. Wir sahen schwarze Zugwracks im weißen Schnee. »Oh Gott, oh Gott«, sagte Pascal, und nahm damit zum ersten Mal an diesem frühen Vormittag Worte in den Mund, die schon vorhersagten, dass diese Reise für uns zur seelischen Höllenfahrt werden würde.— »

 

 

Carolina Schutti„Nadjeschda“

 Nadjeschda«Ich erzähle vom Wetterleuchten über dem See. Der Leuchtturm blinkt: neunzig Blitze pro Minute. Sturmwarnung. In der Ferne schäumen bereits die Wellen, die Halbinsel ist nicht mehr zu sehen, die Häuser nicht, die bei Schönwetter wie pastellfarbene Zündholzschachteln aneinandergedrängt einen perfekten Hintergrund abgeben für ein Foto mit Linienschiff, Raddampfer, Segeljacht. Jetzt ist der See leer. 
Wie können hier in der Wüste Fische sein. Die Reflexion zeigt: Die Kontrolle ist noch da. Diese Lungenfische werden in ihren Träumen auftauchen, und wenn nicht in den Träumen, dann im Pausengespräch: wie eklig!, schleimige Fische, die aus den Wänden kriechen, eine Lehmhütte, die, völlig durchlöchert, völlig durchweicht, in sich zusammenfällt, dieser zuckende Schlammhaufen, Fischmäuler, Fischaugen, verkümmerte Flossen, wild um sich schlagende Schwänze. Ich finde den Fisch nicht ekelhaft, er hat überlebt, zwei Jahre, drei, vier, ohne einen Tropfen Wasser, er steht auf Platz zwei der Tiere, die wahre Überlebenskünstler sind.»

 

  

Jörg Piringer, „kuzushi“ 

maschine«die meisten leser würden nicht merken
dass diese texte voneiner maschine geschrieben worden sind

wenn sie wollen
demonstriere ich ihnen das programm
mit einem beliebigen anfangssatz
hat wer einen vorschlag

um das eis zu brechen schlage ich selbst einen satzanfang vor»

(Abends ein Glas "Gemischter Satz". Die Texte der Vortragenden, nachgelesen.)


 

19.6.2020 Ein weiterer Regentag in Prag. PC einschalten, Live-Stream, ohne Twitter


.

 *Helga Schubert"Vom Aufstehen"  

Vom Aufstehen «Auf, auf, sprach der Fuchs zum Hasen, hörst du nicht die Hörner blasen?
So weckte mich meine Mutter früher, als ich ein Schulkind war. Sie stand an meinem Fußende und zog mir die Bettdecke weg.
Manchmal sang sie auch: Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal saßen einst zwei Hasen, fraßen ab das grüne, grüne Gras, fraßen ab das grüne Gras und dann: Bis dass der Jäger, Jäger kam und schoss sie nieder. Ich stellte mir das bildlich vor und vergaß immer wieder, dass es gut endet: Als sie sich dann aufgerappelt hatten und sie sich besannen, dass sie noch am Leben, Leben waren, liefen sie von dannen. Ich lag dann mit meinem Nachthemd im Ungeheizten, war froh, dass die Hasen doch noch lebten und stand schnell auf. —
Einfach alles wegwerfen, jeden Tag einen Ordner, dann hast du es bald geschafft, du bist jetzt 80, wie lange willst du das alles aufheben, es interessiert doch niemand, wie viele Mahnungen deine Mutter bekam. Soviel Lebenszeit hast du mit 80 doch gar nicht mehr, mahnt er mich schon seit ihrem Tod.
Sie starb, als ich 76 war.

Sie wollte, dass ich über sie eine Geschichte schreibe. Hast du mit der Geschichte nun endlich angefangen, fragte sie mich, als sie schon über 100 war.
Aber wie sollte ich über sie schreiben, als sie noch lebte.»

  

Lebensnah das Vorstellungvideo, es spricht mit mir. Schuberts Lesen, ein erzählender Fluss, einer der mich mitnimmt, so - dass Gedanken nicht abschweifen. Freue mich auf das Erscheinen dieses Romans. Meine Stimme für den Publikumspreis.

 

Hanna Herbst, „Es wird einmal“

Es wird einmal«Ich habe dir nicht erzählt von der Obdachlosen, die sagte: »Ich hab nur nie gewusst, was ich arbeiten will, sonst hätte ich mich zu Tode gearbeitet wie alle anderen auch«, weil der bin ich erst später begegnet.
Aber von der Greisin haben wir gesprochen, der das Altersheim zuwider war, die deshalb beschloss, bis an ihr Lebensende auf Kreuzfahrt zu gehen. Und von ihrem Mann, der ganz vergesslich wurde und seine Frau nicht, aber die wäre es gerne geworden, weil es da ein paar Dinge gab, die sie gerne vergessen hätte. —
Wie du einmal sagtest: »Immer aufmerksam sein im Leben. Weil wenn du aufmerksam bist, dann bist du immer darauf gefasst, dass es noch etwas gibt auf der Welt, das du noch nicht wusstest.« Es muss immer wieder eine neue Fremdheit da sein und eine neue Ahnungslosigkeit.—
Wie du andere Künstler gemieden hast, weil du sagtest, ein Künstler müsse sich mit Menschen umgeben, aber ja nie mit seinesgleichen.
Ich wär gern zufrieden, hab ich dir einmal gesagt und du hast gesagt, Zufriedenheit suchen, ist wie Stille suchen. Da ist immer ein Geräusch, wenn man genau hinhört, und da ist immer auch eine Unzufriedenheit. Man darf höchstens raunen von einer Zufriedenheit. Aber eigentlich, nein, nicht einmal das.»

 

***Egon Christian Leitner„Immer im Krieg“

Tag Monat Jahr«Tag, Monat, Jahr
Die vergoldeten Platten in den Sonden, die seit 40 Jahren im Weltraum unterwegs sind und nach Lebewesen und Zivilisationen suchen. Auf den vergoldeten Platten befinden sich folgende Botschaften der Menschheit: das hohe F, Musik von Pygmäen, Navajo-Indianern und aus Aserbaidschan und von Bach und Louis Armstrong und die Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte, Grußworte in 55 Sprachen, Herzschlaggeräusche, Stimmen von Erdbewohnern, Spatzen und Walen, Brandungsgeräusche, Presslufthammergeräusche, das Knistern von Feuer, ein Donner, ein Kuss. Zu sehen sind: eine Gebärmutter, ein Fötus, DNA, kleine und große Städte, Landschaften, Gebäude, stillende Frauen und jagende Männer und ein paar die Erdkugel betrachtende Kinder, ein nacktes Menschenpaar, die Erde im Sonnensystem und die Sonne in der Milchstraße und ein paar Telefonnummern. Kann man so sagen. Ist so. Mich bitte nicht anrufen, ich hebe nie ab bei so was.

Tag, Monat, Jahr
Warum gibt es in der Schule kein Unterrichtsfach, das Helfen heißt, und warum im Fernsehen kein Friedensprogramm? In der Schule ein Lernfach, das Helfen heißt, und im Fernsehen ein paar Stunden pro Woche ein Friedensprogramm! Auf jedem Sender die Analysen, was man wo tun kann, und in jeder Schule Helfen als Pflichtfach für da hier.»

 

 "Tag, Monat, Jahr" hat mich aufgeweckt und die Lektüre  "Vom Helfen und vom Wohlergehen oder Wie die Politik neu und besser erfunden werden kann. Gespräche mit Markus Marterbauer, Fritz Orter und Werner Vogt  (Auswege, Band 2, 2015)" muss sein.

 

 

Matthias Senkel,  „Warenz“

warenz«Ungereimtheiten, 2025
― So dreh ich das auf keinen Fall!
― Aber wir haben alles eins zu eins wie auf den historischen Aufnahmen hergerichtet.
― Jetzt erklär mir bitte mal, wie das Blut dort rüber gekommen sein soll, wenn er hier saß, als er sich erschossen hat?
― Schau‘s dir an! Hier auf dem anderen Foto, das Georg aus der alten Polizeiakte geangelt hat.
― Ich weiß nicht. Das könnten auch Schattenflecke sein. Die Eichen waren damals ja bestimmt noch lichter
Nebenschauplatz, 2026
Bereits auf dem roten Teppich zog Nora Vermehren einen Großteil der Aufmerksamkeit auf sich. Aber nicht nur ihr Abendkleid, auch ihre Schlüsselszene fand bei der Kritik fast ausschließlich Lob: Ihre kongeniale Verkörperung der Talea Aub, die es nicht über sich bringt, Maximilian Krak in den Freitod zu folgen, evoziere unter minimalem Einsatz mimischer Muskulatur das Abgleiten in eine Depression.» 

 

Levin Westermann„und dann

und dann«und die freundin stimmt mir zu
ja der tag ist ruiniert
der tag liegt in trümmern
eine einzige verwüstung bis zum rand
und dennoch ja dennoch
gibt es einen pfau
es gibt hier: einen pfau
sein gehege im gehege der hühner
plural
und er ähnelt Rilkes panther
weil er immer auf und ab
immer an den stäben auf und ab
und ich gehe zum gehege der hühner
und kippe gurkenreste über den zaun
ich kippe die kleingehackten gurkenreste über den zaun
und die hühner beginnen zu picken
sie kommen aus den büschen
wo sie immer wenn es nass
und picken
sie stehen im regen und picken
und ich schaue ihnen zu und
Petra Ahne schreibt
dass das dasein
nur noch einen inhalt hatte
nämlich: zu warten
und ich sitze im wintergarten
im rattanstuhl»

 (Den Gedichtband 3511 Zwetajewa bestellt. Seine Sprache hat eine rhytmische Sogkraft. Gut für stille Tage.)

 


 20.6.2020  Wieder Regen in Prag, beständiger als an den Vortagen


 *****Lydia Haider„Der große Gruß“

Der große Gruß«... die in diesem Anklang gänzlich ohne Berechtigung, und die Straßen alle sie werden gesäubert, jede Gasse, jeder Weg und alle Zeilen, die breiten und die schmäleren, Wienzeile, Wollzeile, Kofferzeile, gehen wir dahin mit so viel Schießgewehren umgehängt und vom Trottoir geschossen den Pudel da, dass es nur so staubt vor Locken, losgelassen den Kugelhagel auf Dobermanns Körper an die Wand gemalt, überall sind wir bis in die Nacht ausgestreut auf ein trainiertes Kampfestierchen ganz scharf und seine Breite machen wir schmal so schnell, dass dein Sehen nicht nachkommt liegt’s schon ohne sein Pestgesicht drüben auf der anderen Straßenseite als tiefrote Grinzinger Pizza,  ...»

 

 

****Laura Freudenthaler„Der heißeste Sommer“

Der heißeste Sommer«Ich grüße mit Handzeichen, wenn ich Bauern begegne, die hoch oben auf ihren Maschinen über die Felder fahren. Im Radio wird stündlich durchgesagt, körperliche Anstrengung im Freien sei zu vermeiden. Auf ausreichend Flüssigkeitszufuhr sei zu achten. Offenbar geschwächten Personen sei Hilfe zu leisten. Andere Spaziergänger treffe ich nicht. Auf den Wegen zwischen den Äckern rennen vor meinen Füßen kleine graubraune Körper hin und her. Scheinbar zahllos sind die Feldmäuse und schneller, als ich schauen kann, ständig fürchte ich eine zu zertreten. Vor allem in der Nachmittagshitze finde ich Stellen, in den Waldstücken an den Nordhängen oder in den Senken, wo die Windstille vollkommen ist. Dann nehme ich den breitkrempigen Strohhut ab. Die Ärztin hat gesagt, ich solle nicht in die Sonne gehen, wegen der Narbenbildung. Abends sitze ich vor dem hinteren Tor. Die Mücken tanzen unter den Bäumen im letzten Licht. Ein Ton ist in der Luft, so hoch und fein, dass ich nicht sagen kann, woher er kommt, ob er überhaupt da ist. Vielleicht dringt er tief aus der Erde, wo Nester voller nackter Würmchen sind. Vor dem Schlafengehen tupfe ich rostbraune Tinktur auf die Nahtstellen an meinen Lippen.»

 

 

Katja Schönherr, „Ziva“

ziva«Mein Dreiundvierzig-Schicksal war von Beginn an ein leidiges Thema zwischen uns. Alexander vertrat den Standpunkt: Was meiner Mutter und Großmutter widerfahren ist, sei Zufall. Für mich heiße das überhaupt nichts. Ich gäbe dem Thema zu viel Raum, meinte er immer. Ausgerechnet er, der sonst alles durchdenken und analysieren will, Ursachen, Erklärungen, Lösungen finden muss. Ausgerechnet er seufzte nur noch oder berührte mich auf eine Weise, die lediglich als Abwiegeln zu deuten war, sobald ich auf meinen Tod zu sprechen kam. Dass ich mein Leben danach ausrichte, versteht er nicht. Bis heute versteht er das nicht. Wie für so Vieles, fehlt ihm auch dafür die Vorstellungskraft.»

 

 

Meral Kureyshi„Adam“

Adam«Der Schnaps machte den Wind weicher, die Lichter verzogen sich ein wenig zu kleinen oder großen Sternen, auch die Ferne wirkte weiter. Die kleine Stadt schien auf einmal riesengroß, ich konnte mich in ihr verstecken, zwischen Menschen, deren Gesichter verschwammen. Sonst hatte ich Adleraugen, wie Manuel sagte, der kurzsichtig ist. Nicht einmal mit der Brille konnte er die 2 Zahlen von den Buchstaben auf der Anzeigetafel unterscheiden. Wer zuerst erkannte, wann der nächste Bus fuhr, hatte gewonnen. Siebzehn Schritte lag er meist zurück. Er wollte sich die Brille nicht korrigieren lassen, fürchtete, danach noch schlechter zu sehen. Die Augenmuskulatur könne sich an die Korrektur gewöhnen und würde sich nicht mehr anstrengen.»


 

Nach drei Regentagen, nach Ende der Lesungen mit Gummistiefeln hinaus auf die Straße, mit der Straßenbahn ins andere Ende von Prag, um die Katze von abwesenden Freunden zu füttern. Zeit, mich auf Texte einlassen, was blieb hängen, nach den Lesungen und dem Nachlesen in der Stille? Jede der Autorinnen, der Autoren - und jedes Mitglied der Jury hat in mir den Impuls gestärkt, meine eigenen Lesegewohnheiten zu hinterfragen – in unterschiedlicher Intensität.

Der Wettbewerb als solcher, weckt in mir das Interesse an gegenwärtiger Literatur - generell, jenseits von Noten und Bewertungen. Bei Autorennen, die mich in der Jugend in den Bann zogen, gab es Kategorien von Formel Ford über Formel 3, Formel 2 bis zur Formel 1; Tourenwagen der verschiedenen Klassen, bemessen nach Hubraum. Genau definierte Regeln, wer als Erster die Ziellinie überfuhr, abgewunken durch die schwarz-weiße Fahne des Rennleiters, hatte gewonnen. Nach dem 23. Lebensjahr war das Interesse "am schnellen im Kreis fahren" verloren gegangen. Das Lesen wurde - neben dem Gehen - zur Gewohnheit, die bis heute hält. Schön ist, dass gerade diese Gewohnheit nach wie vor mit Neugierde verbunden ist — der Lust in Gebiete, Sphären einzutauchen, die mir fremd sind. Der eine oder andere Autor, die eine oder andere Autorin,  begleitet mich seit dem Beginn meiner Lesezeit. In diesem dichter werdenden Büchernetz ergeben sich für mich Querverbindungen. Tschechisch wollte ich deshalb lernen, um Jan Skácel, Milena Jesenská, Bohumil Hrabal, Václav Havel, Hana Androníkova in ihrer Muttersprache lesen zu können. 

Die Spur der Neugierde hat mich ins Netz geführt und hängen blieb ich frühmorgens, am Tag an dem verkündet wird, wer den Wettbewerb gewonnen hat, bei dem Vortrag von Egon Christian Leitner über "Auswege": «Das Ziel ist tatsächlich der Weg. Auf die Weise erspart man sich und den anderen die zeit- und kraftraubenden Umwege, die zu nichts führen als in die Irre, und die Ausflüchte, die ohnehin danebengehen. Wenn das Ziel der Weg ist, braucht man und darf man nichts aufschieben. Das, was zu tun ist, wird dadurch erreicht, dass man es tut, lautet eine seiner Antworten. Und Fritz Orter redet einer Opferberichterstattung das Wort, die es binnen kürzester Zeit nicht mehr geben werde, es sei denn, es gelänge ihr immer wieder, den Lauf der Dinge zu durchbrechen, zum Beispiel mit Warum-Fragen; hierzulande, in der noch nicht zur Gänze verrückt gewordenen Welt, etwa mit: „Warum gibt es kein Unterrichtsfach, das Helfen heißt?“» Es ermutigt mich, zum Tun ... und Weiterlesen, über einen Literatur Wettbewerb hinaus zu einem Miteinander, Sprache als Mittlerin zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ein Erkenntnisgewinn für mich, lässt sich das in einem "Gegenwert" - sprich "Preis" ausdrücken? 

Milena Findeis


 

Sharon Dodua Otoo, Wenn Bücher miteinander sprechen könnten

Nachsatz, außerhalb des Wettbewerbs:

«Das geringe Maß an Selbstreflexion, das viele Bücher immer wieder aufweisen, ist also auf die häufigen Missverständnisse bei der Kommunikation zurückzuführen. Und nicht etwa – zumindest nicht ausschließlich – auf fehlende Kommunikationsbereitschaft. Menschen, die mit offenem Verstand und offenen Herzen mit Büchern kommunizieren, ermöglichen uns zwei Dinge. Erstens erhalten wir durch sie Zugang zu einer ganzen Fülle von Informationen, die uns sonst verwehrt blieben. Zweitens öffnen sich Bücher dadurch mehr füreinander. Verbesserte Kommunikationsfähigkeiten führen zu einer verbesserten Selbstreflexion bei jedem einzelnen Menschen und jedem einzelnen Buch.»  Sharon Dodua Otoo aus ihrer Rede Über die Möglichkeit der sprachlichen Auseinandersetzung zwischen Druckwerken – eine teilnehmende Beobachtung, am 10.10.2019 im Literarischen Colloquium Berlin 

 Die Kopie hat ihr Problem.
Das Original findet die Überwindung.
Es hat Tiefe, es sucht sie nicht.
Ingeborg Bachmann
 Das Buch Goldmann, Seite 225 
Piper, Juni 2020 Taschenbuchausgabe


Ana Schönsteiner hat die Übertragungen "Tage der deutschsprachigen Literatur" in Berlin, Schöneberg am Bildschirm verfolgt und während der Lesungen, Diskussionen gemalt. Einige dieser Bilder, alle in A4-Format, hat sie mir am 21. Juni per Mail übermittelt. Sie hat darüber getwittert #tddl. Kreativ hat sie, die kein Handy besitzt, und deshalb vom Publikumsvoting ausgeschlossen war, gemalt und gepostet um ihre Stimme für Helga Schubert zu erheben. Ana war und ist von Ingeborg Bachmann inspiriert, sie drückt das in Bildern aus. Schauen Sie! 

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Helga Schubert

GewinnerInnen des Bachmann-Wettbewerbs 2020

In Erinnerung an die Lyrikerin Ingeborg Bachmann (1926 in Klagenfurt geboren - 1973 in Rom verstorben)

      * Bachmannpreis an Helga Schubert.
    ** Deutschlandfunkpreis an Lisa Krusche
   *** KELAG-Preis an Egon Christian Leitner
 **** 3Sat-Preis an Laura Freudenthaler
***** Publikumspreis an Lydia Haider

 


Links:

44. TAGE DER DEUTSCHSPRACHIGEN LITERATUR
Michael Wurmitzer, 21.6.2020, Standard
Ekkehard Knörer, Fremdscham und viel Liebe, 21.6.2020 taz
Marcel Inhoff reports about #tddl
Kanon-Wrestling bei den 44. Tagen der deutschsprachigen Literatur #tddlKanon

Das Wettlesen, das während der Tage der deutschsprachigen Literatur zum Klagenfurter Bachmann-Preis – diesmal per Videokonferenz – führen soll, steht, wie so oft, in keinem guten Verhältnis zur Literatur selbst. So kommt der Jury eine wichtige und heikle Aufgabe zu. Marcel Inhoff, der den Prozess um Politik und Ästhetik nicht das erste Mal beobachtet, beschreibt ein Grundproblem der Veranstaltung.
Dialogverweigerung, Marcel Inhoff - Faust Kultur

Der Bachmannpreis war noch nie nur ein Wettbewerb der Lesenden, sondern immer schon auch ein Sich-Messen der Jurymitglieder.
Veronika Schuchter, Die Furche



jörg piringer @jpiringerjörg piringer
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tagesrandbild

Wandel

11.7.2020 Fallende Haarspitzen treffen auf Zehen, darunter geschichtet vermoderte Blätter. Den vom Regen in die Höhe getriebenen Raps verarbeitet mit dem Vermerk: Keine Balkonpflanze.

Zwischen (W) Orte

Nachgelesen, Auslese

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