
Milena Jesenska
Veröffentlicht in Svět práce, 1. Dezember 1933, ins Deutsche übersetzt von Eva Hoffmann
Wer ist der Zensor?
Der Film "Kleiner Mann, was nun?" zeigt deutlich die stillschweigende Zensur, die von der Produktion sogar bei Filmen nach den besten Büchern ausgeübt wird. Falladas gleichnamiges, liebenswürdiges Buch ist nicht revolutionär. Sein gewaltsames Happy-End ist inkonsequent bei konsequenten Folge der vorangehenden Handlung und beantwortet nicht die Frage, die der Titel stellt. Der Handlungsgehilfe Pinneberg, ein typischer "deutscher kleiner Mann" (übrings ein kleiner Mann wie überall auf der Welt) liebt Lämmchen, ein tüchtiges, beherztes proletarisches Mädchen. Nach großen Plagen und Erniedrigungen verliert Pinneberg seine Stellung, damit verliert er nicht nur Arbeit und Brot, sondern all die Merkmale vorgeblicher Privilegien, an die sich "bessere" kleine Leute so krampfhaft klammern: Er verliert den guten Mantel, das Selbstbewußtsein, das Gefühl der Ehrbarkeit, er ist kein kleiner Mann mehr, sondern ein Nichts, ein grauer Schatten, dem gegenüber sich jeder etwas herausnehmen kann, er wird ein Mensch von merkwürdiger Scheu, Bitterkeit und Scham. Seine Schande ist vom Hunger gezeugt worden. Am Ende des Buches steht Pinneberg abgerissen und hungrig, ohne Kragen und Hut vor dem Schaufenster eines Delikatessengeschäftes, er denkt über den grausamen Lauf der Welt nach, und wir fragen uns: Was nun, kleiner Mann? Zu dem kleinen Mann tritt ein Wachtmeister und vertreibt ihn wie einen Dieb von dem Anblick auf Essen. Armut ist nicht nur eine Schande, Armut ist auch ein Verbrechen, sagt das Buch mit bitterem Vorwurf, und der Leser, der sich bei der Vorstellung empört, daß ein Gummiknüppel gegen diesen ehrlichen und unschuldigen Mann geschwungen wird, klappt das Buch enttäuscht zu, weil sich Pinneberg selber keineswegs empört, sondern seiner Frau um den Hals fällt. Trotz dieses Auswegs, der keiner ist, schildert das Buch immerhin den Weg Pinnebergs bis zu seiner größten Schmach, und dieser Weg in der Krise spiegelt klar den allmählichen Niedergang, den Tausende in der kapitalistischen Ordnung erleben. Das wird so konsequent erzählt, daß das Buch trotz der fehlenden Lösung ein ziemlich deutlicher Wegweiser ist, auch wenn der Autor selber Scheidewege meidet, auf Irrwege gerät und keinen Wegweiser sieht. Wäre das Buch wahrheitsgetreu verfilmt worden, hätte nicht viel passieren können - hätte der bürgerlichen Ideologie nicht viel passieren können, will ich sagen. Denn auch im Film gibt es ein an den Haaren herbeigezogenes Happy-End, das aus einem typischen Fall im Handumdrehen einen Einzelfall macht, um nicht die wichtigste Frage der Tausende, die entlassen und arbeitslos sind, zu beantworten. Was nun? Interessanterweise wagt der Film nicht einmal so viel wie das Buch. Und so begegnen wir auf der Leinwand einer jungen Frau, die nicht Lämmchen ist, sondern ein bürgerliches Eheweibchen, das um die Einkünfte ihres Mannes bangt, einem Pinneberg, der nicht die Arbeit verliert, der nicht auf der gesellschaftlichen Stufenleiter absteigt und dem gar nichts geschieht, als daß die Gefahr der Entlassung über ihm schwebt, was die kleine Familie für eine Weile aufregt.
Weil es in solchen Filmen nicht möglich ist, den heutigen Problemen auszuweichen, werden diese so gelöst, wie es die bürgerliche Presse tut: zu fünfzig Prozent Verzerren und Verdrehen, und optimistische Beschönigung des Weges, der angeblich aus der Krise führt. So entstehen Filme wie "Kleiner Mann, was nun?", so entsteht beleidigender Kitsch wie "Morgenrot". Filme über Arbeitslose, die fröhlich auf einer Parkbank schlafen, deren Elend als Vergnügen und Zauber bohemenhaften Lebens dargestellt wird, mit denen gerade in dem Augenblick Wunder geschehen, wenn ein Bild der Wirklichkeit gezeigt werden sollte. Filme, in denen gütige Millionäre als Retter auftreten. Oder man dreht Reportagen über ganze Regionen, wobei die Wahrheit sorgfältig weggelassen wird, vor der Kamera ziehen geschmückte Hochzeitszüge vorbei, unwirkliche Menschen wie in den Filmen von Ulehla oder Plicka. Hier wird die Reportage zur geschmacklosen Verspottung der Wirklichkeit. Und nicht zuletzt die Flut von Kriegs- und Spionagefilmen, in denen eine schöne, mit Verführungskünsten begabte Frau in Dutzenden von gefährlichen Situationen zeigt, wie süß es ist, sich für die Interessen des Vaterlands zu opfern, und wie tapfer man für dieses Vaterland kämpfen kann. Insgesamt sind das grob tendenziöse Versuche, das Klassenbewußtsein der Menschen zu verdummen, und je mehr die bürgerliche Ideologie die Gefahr ihes völligen Zusammenbruchs sieht, um so mehr spürt sie die Notwendigkeit, sich gleichzuschalten. In Wirklichkeit spricht der bürgerliche Film eine verständliche Sprache: Geht ruhig heim, es passiert nichts.
Hans Fallada„Kleiner Mann – was nun?“ – ungekürzt
Hans Fallada schrieb vor allem über soziale, zeitpolitische und konfliktreiche Stoffe, an denen es in den Krisenzeiten nicht mangelte. Sein erfolgreichster Roman „Kleiner Mann – was nun?“ liegt dem Leser nun als ungekürzte Originalfassung vor.
Von Eberhard Falcke, 7.8.2016 Deutschlandfunk
Hans Fallada: „Kleiner Mann – was nun?“
Roman. Ungekürzte Neuausgabe mit einem Nachwort von Carsten Gansel.
Aufbau Verlag, Berlin 2016. 557 Seiten, 22,95 Euro.

