Zensor 

Milena Jesenska
Veröffentlicht in Svět práce, 1. Dezember 1933, ins Deutsche übersetzt von Eva Hoffmann

Wer ist der Zensor?

Der Film "Kleiner Mann, was nun?" zeigt deutlich die stillschweigende Zensur, die von der Produktion sogar bei Filmen nach den besten Büchern ausgeübt wird. Falladas gleichnamiges, liebenswürdiges Buch ist nicht revolutionär. Sein gewaltsames Happy-End ist  inkonsequent bei konsequenten Folge der vorangehenden Handlung und beantwortet nicht die Frage, die der Titel stellt. Der Handlungsgehilfe Pinneberg, ein typischer  "deutscher kleiner Mann" (übrings ein kleiner Mann wie überall auf der Welt) liebt Lämmchen, ein tüchtiges, beherztes proletarisches Mädchen. Nach großen Plagen und Erniedrigungen verliert Pinneberg seine Stellung, damit verliert er nicht nur Arbeit und Brot, sondern all die Merkmale vorgeblicher Privilegien, an die sich "bessere" kleine Leute so krampfhaft klammern: Er verliert den guten Mantel, das Selbstbewußtsein, das Gefühl der Ehrbarkeit, er ist kein kleiner Mann mehr, sondern ein Nichts, ein grauer Schatten, dem gegenüber sich jeder etwas herausnehmen kann, er wird ein Mensch von merkwürdiger Scheu, Bitterkeit und Scham. Seine Schande ist vom Hunger gezeugt worden. Am Ende des Buches steht Pinneberg abgerissen und hungrig, ohne Kragen und Hut vor dem Schaufenster eines Delikatessengeschäftes, er denkt über den grausamen Lauf der Welt nach, und wir fragen uns: Was nun, kleiner Mann? Zu dem kleinen Mann tritt ein Wachtmeister und vertreibt ihn wie einen Dieb von dem Anblick auf Essen. Armut ist nicht nur eine Schande, Armut ist auch ein Verbrechen, sagt das Buch mit bitterem Vorwurf, und der Leser, der sich bei der Vorstellung empört, daß ein Gummiknüppel gegen diesen ehrlichen und unschuldigen Mann geschwungen wird, klappt das Buch enttäuscht zu, weil sich Pinneberg selber keineswegs empört, sondern seiner Frau um den Hals fällt. Trotz dieses Auswegs, der keiner ist, schildert das Buch immerhin den Weg Pinnebergs bis zu seiner größten Schmach, und dieser Weg in der Krise spiegelt klar den allmählichen Niedergang, den Tausende in der kapitalistischen Ordnung erleben. Das wird so konsequent erzählt, daß das Buch trotz der fehlenden Lösung ein ziemlich deutlicher Wegweiser ist, auch wenn der Autor selber Scheidewege meidet, auf Irrwege gerät und keinen Wegweiser sieht. Wäre das Buch wahrheitsgetreu verfilmt worden, hätte nicht viel passieren können - hätte der bürgerlichen Ideologie nicht viel passieren können, will ich sagen. Denn auch im Film gibt es ein an den Haaren herbeigezogenes Happy-End, das aus einem typischen Fall im Handumdrehen einen Einzelfall macht, um nicht die wichtigste Frage der Tausende, die entlassen und arbeitslos sind, zu beantworten. Was nun? Interessanterweise wagt der Film nicht einmal so viel wie das Buch. Und so begegnen wir auf der Leinwand einer jungen Frau, die nicht Lämmchen ist, sondern ein bürgerliches Eheweibchen, das um die Einkünfte ihres Mannes bangt, einem Pinneberg, der nicht die Arbeit verliert, der nicht auf der gesellschaftlichen Stufenleiter absteigt und dem gar nichts geschieht, als daß die Gefahr der Entlassung über ihm schwebt, was die kleine Familie für eine Weile aufregt. 

Bilder von Ana Schönsteiner, Zyklus Sozial Hilfe Empfänger
Bilder von Ana Schönsteiner, Zyklus Sozial Hilfe Empfänger

Weil es in solchen Filmen nicht möglich ist, den heutigen Problemen auszuweichen, werden diese so gelöst, wie es die bürgerliche Presse tut: zu fünfzig Prozent Verzerren und Verdrehen, und optimistische Beschönigung des Weges, der angeblich aus der Krise führt. So entstehen Filme wie "Kleiner Mann, was nun?", so entsteht beleidigender Kitsch wie "Morgenrot". Filme über Arbeitslose, die fröhlich auf einer Parkbank schlafen, deren Elend als Vergnügen und Zauber bohemenhaften Lebens dargestellt wird, mit denen gerade in dem Augenblick Wunder geschehen, wenn ein Bild der Wirklichkeit gezeigt werden sollte. Filme, in denen gütige Millionäre als Retter auftreten. Oder man dreht Reportagen über ganze Regionen, wobei die Wahrheit sorgfältig weggelassen wird, vor der Kamera ziehen geschmückte Hochzeitszüge vorbei, unwirkliche Menschen wie in den Filmen von Ulehla oder Plicka. Hier wird die Reportage zur geschmacklosen Verspottung der Wirklichkeit. Und nicht zuletzt die Flut von Kriegs- und Spionagefilmen, in denen eine schöne, mit Verführungskünsten begabte Frau in Dutzenden von gefährlichen Situationen zeigt, wie süß es ist, sich für die Interessen des Vaterlands zu opfern, und wie tapfer man für dieses Vaterland kämpfen kann. Insgesamt sind das grob tendenziöse Versuche, das Klassenbewußtsein der Menschen zu verdummen, und je mehr die bürgerliche Ideologie die Gefahr ihes völligen Zusammenbruchs sieht, um so mehr spürt sie die Notwendigkeit, sich gleichzuschalten. In Wirklichkeit spricht der bürgerliche Film eine verständliche Sprache: Geht ruhig heim, es passiert nichts.


 

Hans Fallada„Kleiner Mann – was nun?“ – ungekürzt

Hans Fallada schrieb vor allem über soziale, zeitpolitische und konfliktreiche Stoffe, an denen es in den Krisenzeiten nicht mangelte. Sein erfolgreichster Roman „Kleiner Mann – was nun?“ liegt dem Leser nun als ungekürzte Originalfassung vor.

Von Eberhard Falcke, 7.8.2016 Deutschlandfunk

(picture alliance / dpa)Porträt des deutschen Schriftstellers Hans Fallada (1893-1947). (picture alliance / dpa)

Wer Fotos oder Filmbilder vom Straßenleben in der Weimarer Republik betrachtet, dem wird es nicht schwerfallen sich zu mancher Szene einen wie Johannes Pinneberg dazuzudenken. Denn Pinneberg ist ein Schlüsseltypus jener Zeit, kein Bürger, kein Schieber, kein Proletarier, sondern ein kleiner Angestellter, der träumte, wo er hin will, doch nicht wusste, wohin er gehört, der nicht viel hatte außer einem mäßigen Gehalt und wenn er arbeitslos war, dann hatte er praktisch nichts. So erging es Unzähligen, besonders in der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 30er-Jahre und davon erzählt Hans Fallada in seinem Roman „Kleiner Mann – was nun?“

Auch wenn die Weimarer Republik sozial, politisch und kulturell viele Gesichter hatte – denkt man an diese Zeit als eine Epoche von Krisen, Arbeitslosigkeit und Massenarmut, dann gibt es schwerlich einen anderen deutschen Roman, der dafür so exemplarisch stehen kann wie dieser. Dasselbe gilt für den Helden des Romans: Er ist der exemplarische Leidende jener Jahre. Was Pinneberg durch den Kopf geht, ging damals gewiss nicht nur durch seinen Kopf allein.

„Ach, er ist ja einer von Millionen, Minister halten Reden an ihn, ermahnen ihn, Entbehrungen auf sich zu nehmen, Opfer zu bringen, deutsch zu fühlen, sein Geld auf die Sparkasse zu tragen und die staatserhaltende Partei zu wählen.

Er tut es, und er tut es nicht, je nachdem, aber er glaubt denen nichts. Gar nichts. Im tiefsten Innern sitzt es, die wollen alle was von mir, für mich wollen die doch nichts, ob ich verrecke oder nicht.“

Falladas größter Erfolg

Etwas Exemplarisches hatte der Roman tatsächlich schon im Moment seines Erscheinens im Juni 1932, da sich durch ihn so viele angesprochen fühlen konnten. Der Verleger Ernst Rowohlt hatte sich nicht getäuscht: Das Buch wurde zum Renner bei Publikum und Kritik, es war nicht nur Falladas erster, sondern sein größter Erfolg überhaupt, ganz abgesehen davon, dass es Rowohlts Verlag vor dem Bankrott rettete. Der Umstand, dass ziemlich gleichzeitig mit seinem Erscheinen die Sozialleistungen unter Reichkanzler von Papen radikal gekürzt wurden, bot den passenden politischen Rahmen für den Roman. „Kleiner Mann – was nun?“ hätte in grellen Farben ebensogut auch auf Plakaten stehen können und fast jeder hätte das Gefühl gehabt, diese Frage gehe ganz persönlich an ihn.

Aber auch die Handlung des Romans war wie geschaffen für eine große Leserschaft, die sich bald auch im Ausland einstellte. Denn der Romanheld oder genauer, das Romanheldenpaar Pinneberg und Frau sind dermaßen brave, anständige Menschen, dass jede Gemeinheit, die durch die Sachwalter der herrschenden Verhältnisse an ihnen begangen wird, unmissverständlich zum Zeichen einer empörenden Ungerechtigkeit wird. Anständigkeit, so sah es Fallada selbst, galt ihm nicht nur als begrüßenswerte Haltung, sondern als der wichtigste individuelle Beitrag zu einer besseren Gesellschaft. Anständig entschließen sich Hans Pinneberg und Emma Mörschel zur Heirat, weil schon der erste Sex gleich Folgen hat und obwohl ihnen für eine Familiengründung eigentlich die Mittel fehlen. Und mit größtem Elan entwickeln sie sogleich den wahrhaft liebevollsten Ehe-Enthusiasmus. Er nennt sie Lämmchen, sie nennt ihn „mein Junge“ und auch der Nachwuchs, der den Mutterleib noch nicht einmal gerundet hat, wird schon ständig durch den Kosenamen „Murkel“ vergegenwärtigt.

„'Ich möchte‘, sagt Pinneberg leise und drückt Lämmchens Hand, ‚dass wir es ein bisschen hübsch hätten. Weißt du‘ – er versucht es zu schildern –, ‚es müsste hell sein bei uns und weiße Gardinen und alles immer schrecklich sauber.‘“

So bescheiden wie diese Glücksansprüche, so begrenzt sind auch die geistigen Ambitionen dieser Romanfiguren. Das unterschied Falladas Kleine-Leute-Epos eklatant von der Literatur des Kultur- und Bildungsbürgertums aus den Federn eines Rilke oder George, eines Hermann Hesse oder Thomas Mann. Was jedoch nicht heißt, dass es Fallada an erzählerischer Kunst hätte fehlen lassen. Nein, er war ein Meister seines Metiers und verstand sich souverän darauf, seinen Stoff zu entfalten, ihm Dramatik zu verleihen, seine Schattierungen auszuspielen und die Fallhöhe der sozialen Konflikte wirkungsvoll ins Bild zu setzen. Natürlich ist es einfach so, dass Pinneberg und sein Lämmchen fürs Geistige gar keinen Spielraum haben, weil sie unablässig damit kämpfen müssen, sich auf der materiellen Basis mit dem Mindesten zu versorgen.

Fallanda traf mit seinem Buch ins Schwarze

Es ist nicht zuletzt die außerordentliche Konsequenz, mit der sich Fallada auf diese bitteren Bedingungen des Sozialromans eingelassen hat, die seinem „Kleiner Mann – was nun?“ so viel Gewicht verleihen. In Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ wird der soziale Stoff in den Schatten gestellt von der grandiosen modernen Erzählkonzeption. Und in Erich Kästners Weltwirtschaftskrisenroman „Fabian“, den Fallada bewunderte, ist der Held ein urbaner Schelm, für den sich die soziale Misere der Zeit vor allem in erzählerischem Witz und Pointen darstellt. Ganz abgesehen davon, dass Kästners Fabian als Akademiker in einer Werbeagentur mit 270 Mark im Monat glatte 100 Mark mehr verdient als der Textilverkäufer Pinneberg.

Mit anderen Worten: „Kleiner Mann – was nun?“ traf ins Schwarze eines massenhaft verbreiteten Zeitgefühls wie wenige andere Bücher. Falladas Kollegen Hermann Hesse, Kurt Tucholsky, Robert Musil, Thomas Mann geizten nicht mit Lob. Besonders treffend äußerte sich der wenig bekannte, längst vergessene österreichische Literat Paul Elbogen:

„Dass einer aus dieser Dreckzeit, aus Dreck und Feuer dieser Zeit also nicht nur keine Spottgeburt, sondern etwas Herrliches machen kann, DAS ist das Mirakel! Pinneberg und Lämmchen werde ich nie vergessen. Wer weiß, ob in fünfzig Jahren oder in hundert Jahren einer ihr Buch noch verstehen wird – aber heute versteht man es …“

Zweifellos, man versteht es auch über achtzig Jahren später noch, obwohl heutzutage die sozialen Elendssymptome gemildert erscheinen und die Weltwirtschaftskrisen in kleineren Portionen verabreicht werden. Vor allem aber bestehen nun Anlass und Gelegenheit, Falladas „Kleinem Mann“ wieder einmal und erneut Aufmerksamkeit zu schenken. Denn obwohl das Buch im Kanon der bedeutenden Sozial- und Zeitromane als moderner Klassiker seit Jahrzehnten seinen festen Platz hat, erscheint der Roman jetzt in einer Form, wie es ihn bisher noch nie zwischen Buchdeckeln gegeben hat: nämlich in einer Fassung, die auf der schwierigen Entzifferung des ungekürzten im Fallada-Archiv aufgefundenen handschriftlichen Originalmanuskriptes beruht. Fast ein Viertel des Textes wurde daraus einst für die Druckfassung des Romans gestrichen. Was dabei verloren ging, beschreibt der Literaturwissenschaftler Carsten Gansel in seinem Nachwort folgendermaßen:

„Die Streichungen aus dem handschriftlichen Original betreffen das Lokalkolorit der auslaufenden Zwanziger- und beginnenden Dreißigerjahre in der Metropole Berlin und das dortige Nachtleben. Beschreibungen von einzelnen für die Roaring Twenties kennzeichnenden subkulturellen Milieus sind ebenso getilgt worden wie erotische Anspielungen. Verloren gegangen sind darüber hinaus differenzierte politische Positionen der Figuren.“

Ein Ausflug ins Berliner Nachtleben

Noch 1950, als der Roman als Band 1 die legendäre Taschenbuchreihe rororo eröffnete, kam man im Rowohlt Verlag zu dem Schluss, dass die Streichungen dem Roman gutgetan hätten. Das lässt sich von heute aus gesehen nicht bestätigen. Wenn Pinneberg etwa ausdrücklich am Beispiel eines seiner Arbeitgeber Achtung und Sympathie für die Juden formuliert, dann ist es zweifellos erhellend, wenn dieser vormals gestrichene Satz nun zu lesen ist. Und wenn manche Diskussion zwischen dem Jungen und seinem Lämmchen über die Frage, ob es Sinn hat, die Kommunisten zu wählen, nun ungekürzt vorliegt, dann erhält die im Roman durchlaufende Frage nach politischen Optionen und Perspektiven die angemessene schärfere Kontur. Dass Charlie Chaplin nun durch die Wiederherstellung einer beiläufigen Erwähnung im Roman vorkommt, ist weniger bedeutsam. Die vierzehn gestrichenen Manuskriptseiten über einen Ausflug ins Berliner Nachtleben jedoch bieten, obwohl thematisch etwas überproportioniert, heutigen Lesern unbedingt exquisite populärkulturelle Einblicke. Da lädt Jachmann, der mit Pinnebergs raffgieriger Mutter ein wunderbar halbseidenes Paar abgibt, eines abends den Jungen und das Lämmchen zu einer Sause durch Bumslokale, Revuetheater und Ballhäuser ein.

„Und siehe, Holger Jachmann weiß Bescheid. Also Pinneberg ist wirklich etwas aufgeregt. Es ist alles so fabelhaft weiß und rosig, und nur die Spitzen der Brüste sind dunkle Punkte. Ja, hier bietet man mehr. Diese Mädchen tragen nur einen ganz kleinen weißen Schurz, und sonst haben sie gar nichts an.

Lämmchen sagt ruhig: ‚Das sah wirklich sehr hübsch aus. Aber eins wundert mich bloß, dass die Polizei das erlaubt.‘“

‚Warum soll die Polizei das verbieten?‘, fragt Jachmann. ‚Die Polizei verbietet, was dem Staat gefährlich werden kann. Aber dies hier ist dem Staat doch nur nützlich.‘“

Der Verleger Ernst Rowohlt hatte Fallada ermutigt, so zu schreiben, wie ihm der Schnabel gewachsen war. In dieser schnabelgetreuen Fassung des Romans treten nun die sozialen und politischen Akzente neben der innigen Paarbeziehung zwischen Pinneberg und seiner Frau deutlicher hervor.

Schließlich sind Arbeit und Wohnung die beiden großen miteinander verknüpften Themen, an denen sich immer wieder Gedeih oder Verderb des kleinen Mannes und seiner Frau entscheiden.

Am Anfang, gleich nach ihrer schnell vollzogenen Eheschließung im August 1930 leben Pinneberg und seine Emma in einer Kleinstadt, wo zwischen Beruf und Privatleben keine Trennung möglich ist. Der Getreidehändler Kleinholz hat nämlich mit seinem vermeintlich noch ledigen Buchhalter ganz spezielle Pläne, wie Pinneberg eines Abends seiner frisch angetrauten Gattin gesteht.

„'Ja siehst du, das war nun der Haken. Ich hab viel Jahre in Ducherow gelebt und hab es nicht gewusst, dass der Kleinholz seine Tochter mit Gewalt verheiraten will. Marie heißt das Biest ...‘

‚Und die solltest du heiraten, armer Junge?‘

‚Die soll ich heiraten, Lämmchen!‘“

Bald darauf ist Pinneberg zum ersten Mal arbeitslos in diesem Roman, was bei dem stets knappen Lohn und mangelnden Rücklagen so viel heißt wie: nahezu mittellos. Da kündigt sich wie ein irrwitziger Glücksfall die nächste Station an: Pinnebergs ungeliebte Mutter bietet dem jungen Ehepaar ein Zimmer in ihrer großen Berliner Wohnung an und stellt eine Verkäuferstelle im Kaufhaus Mandel in Aussicht. So ganz glatt geht es dann aber doch nicht. Vor allem will die geschäftstüchtige Frau, die einen Salon zu Zwecken der Kuppelei betreibt, von ihrem Sohn astronomische 100 Mark Miete bei enttäuschenden 170 Mark, die er im Monat verdient, obwohl er ein fabelhafter Verkäufer von Hosen, Sakkos und Mänteln ist, was Fallada mit allen Finessen und Winkelzügen wunderbar beschreibt. Doch das ist noch nicht alles. Es tritt eine Instanz auf, die heute selbstverständlich ist, doch wer hätte gedacht, dass es derlei schon damals gab? Es ist der Unternehmensberater mit besonderer Expertise in Strategien der Kostensenkung.

„'Die haben da einen neuen Organisator eingestellt. Der soll bei uns den ganzen Betrieb durchorganisieren, Sparmaßnahmen und so.‘

‚Na, an euern Gehältern ist doch nichts mehr zu sparen.‘

‚Kann man’s wissen, was die denken? Der wird schon was finden. Der kriegt dreitausend Mark monatlich.‘

‚Wie?‘, fragt Lämmchen. ‚Dreitausend Mark, und das nennt Mandel sparen!‘

‚Ja, das muss er eben wieder rausholen ... Die reden davon, dass das bei uns eingeführt werden soll wie in den großen Warenhäusern, dass jeder Verkäufer gesetzt kriegt, soundso viel musst du verkaufen, und wenn du das nicht schaffst, fliegst du.‘“

Treffende Porträts des politisch wankelmütigen Kleinbürgertums

Pinneberg ist ein Angestellter. Damit gehört er einer Kategorie von Arbeitnehmern an, die als Massenphänomen und soziologisches Thema damals noch relativ jung war. Berühmt wurde Siegfried Kracauers Studie „Die Angestellten“, die Fallada, der auch emsig Bücher rezensierte, wahrscheinlich kannte. Sie erschien 1930 und korrespondiert in aufschlussreicher Weise mit manchen Darstellungen in „Kleiner Mann – was nun?“. Die Diagnose Kracauers, der die Masse der Angestellten im Unterschied zum politisch organisierten Proletariat als „geistig obdachlos“ ansah, lässt sich am Beispiel von Falladas „Kleinem Mann“ ohne Weiteres nachvollziehen. Genau deshalb, weil er keine politischen Perspektiven anbot, wurde der Roman von der kommunistischen Parteipresse kritisiert. Und auf der Gegenseite störten sich die Nazis daran, dass Fallada mit einigen der Romanfiguren treffende Porträts ihrer Klientel, des politisch wankelmütigen Kleinbürgertums zeichnete.

Gleich am Anfang des Romans bekommt Pinneberg schon vom Vater seiner künftigen Frau, einem Proletarier und Sozialisten, erklärt, dass die Angestellten den Arbeitgebern machtlos ausgeliefert seien, weil unter ihnen kein Zusammenhalt und keine Solidarität herrschten. Ein paar Seiten später ist es dann Pinneberg selbst, der Lämmchens Klage über eine bösartige Kollegin, von der sie getriezt – heute würde man sagen: gemobbt – wurde, mit der Einsicht quittiert:

„'Ich kenn‘ das‘, sagt Pinneberg mit Überzeugung. ‚Überhaupt sind die größten Schweine nie die Chefs, am meisten quälen sich die Angestellten untereinander.‘“

Tatsächlich gehört der oft giftige Konkurrenzkampf der Stehkragenproletarier, wie der Volksmund die Angestellten titulierte, zu den Erfahrungen, die Pinneberg das Leben immer wieder aufs Neue schwer machen. Gäbe es da nicht seine Frau, wäre es um seine „geistige Obdachlosigkeit“ noch schlimmer bestellt. Denn Lämmchen wird der Harmlosigkeit ihres kuscheligen Kosenamens überhaupt nicht gerecht. Sie ist eine starke Frau, modern und entsprechend ihren Möglichkeiten auf der Höhe der Zeit. Wenn es darum geht, die Lage zu beurteilen, kann sie es ohne Weiteres mit ihrem Ehemann aufnehmen.

„'Ich will dir was sagen. Wenn ein Arbeiter sich was Gutes wünscht, dann wünscht er sich gut Essen und einen heilen Anzug und ‚ne Molle und Sonntags ins Grüne. Und ihr, ihr wünscht auch Bücher und Theater und Museen ...‘

‚Ach Gott‘, sagt Pinneberg. ‚Und der Arbeiter kriegt sein gut Essen nicht, und ich krieg mein Theater nicht: Es ist alles die gleiche Wichse.‘“

Die Kultur dient dem Angestellten und Kleinbürger als Mittel zum Trost und zur Weltflucht. So hat Siegfried Kracauer das Verhältnis des Stehkragenproletariers zu den höheren Dingen beschrieben. Nichts anderes geschieht, wenn sich Pinneberg aus der beklemmenden Wirklichkeit in Robinsonaden hinwegträumt, was ebenfalls erst jetzt in der ursprünglichen Fassung des Romans zu lesen ist. Ein anderes Beispiel für solchen kulturellen Eskapismus bietet die nun ungekürzt abgedruckte Schilderung eines Kinobesuchs, an die sich dann in Pinnebergs realer Arbeitswelt eine Episode von ebenso erschütternder wie grotesker Infamie anschließt.

Die Liebe als Überlebenskraft

Falladas Alltagsansichten aus der Wirtschaftskrise, seine Milieu- und Genrebilder aus ganz verschiedenen Sphären des sozialen Lebens, all das fügt sich zu einem virtuos gestalteten Panorama der Metropole Berlin aus der Perspektive der kleinen Leute. Nur eines könnte heute womöglich stärker als früher irritieren: Nämlich der teilweise bis in Kitschzonen verrutschte Gemütston, der fast alles süßlich imprägniert, was mit der innigen Liebe zwischen Pinneberg, seinem Lämmchen und ihrem Sohn Murkel zu tun hat. Dennoch ist das kein literarischer Missgriff, sondern hat seine genauen Gründe. Damit machte Fallada klar: Außer ihrer schönen Liebe haben die beiden nichts, sie ist ihre einzige Produktivkraft zum Überleben, wenn Pinneberg wieder mal stempeln gehen muss. Es ist das alte Lied, oft und immer wieder als Schlager gesungen: Die Welt ist schlecht und die Liebe die einzige Rettung. Die private Gefühlswelt muss das gesellschaftliche Unglück kompensieren.

Als Pinneberg seine tiefste Demütigung erfährt, als er bei der sehnsüchtigen Betrachtung der Schaufenster in der Friedrichstraße von einem Schupo vertrieben, ja sogar brutal vom nicht umsonst so bezeichneten Bürgersteig gestoßen wird, bleibt nur noch die Wärmequelle der Zweisamkeit.

„Und plötzlich ist die Kälte weg, eine unendliche sanfte grüne Woge hebt sie auf und ihn mit ihr. Sie gleiten empor, die Sterne funkeln ganz nahe. Es ist das alte Glück, es ist die alte Liebe. Höher und höher, von der befleckten Erde zu den Sternen.
Und dann gehen sie beide ins Haus, in dem der Murkel schläft.“

Eine ausschließlich naive Trostbotschaft ist das sicher nicht. Dafür besaß Fallada zu viel Intuition für die Widersprüche des gesellschaftlichen Lebens und die Konflikte seiner Zeit. All das vermochte er mit völlig natürlich anmutender und dennoch sehr intelligent kalkulierender Erzählkunst zu formulieren. Darum ist es ein schöner Gewinn, dass wir nun von seinem bekanntesten Roman „Kleiner Mann – was nun?“ noch mehr zu lesen bekommen als jemals zuvor.

Hans Fallada: „Kleiner Mann – was nun?“ 
Roman. Ungekürzte Neuausgabe mit einem Nachwort von Carsten Gansel.
Aufbau Verlag, Berlin 2016. 557 Seiten, 22,95 Euro.

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