Stolperstein Milena Jesenská

Sterben, eine Reise ohne Gepäck

 

Lucie Paříková, Gabriela Kalinová
Franz Kafka Gesellschaft Prag, Lucie Paříková, Gabriela Kalinová

Mitte Juni lernte ich im Rahmen einer Veranstaltung der tschechischen Franz Kafka Gesellschaft in Prag die Dolmetscherin, Übersetzerin Gabriela Kalinová - sie referierte über deutschsprachige Schriftsteller und Autorinnen in Prag - kennen. Nach einem anregenden Gespräch machte sie mich auf das Internationale Franz Kafka – Milena Jesenská Symposium mit Dana Pfeifferová, Jihočeská Universita (CZ), Thomas Aigner und Charlotte Aigner, Österreichische Franz Kafka Gesellschaft (A), Alena Wagnerová, Autorin (CZ, BRD), Robert Menasse, Autor (A) am 23. Juli 2021 aufmerksam. Der Veranstaltungsort České Velenice liegt am Ufer der Lainsitz. Auf der gegenüberliegenden Flussseite liegt die österreichische Stadt Gmünd, - beide Orte sind durch Eisenbahn und Straßen verbunden. Ein weiteres Verbindungselement zwischen den beiden Städten ist das Festival Übergänge - Přechody, das seit  2004 – dem EU Beitritt Tschechiens jedes zweite Jahr veranstaltet wird.

Bevor ich morgen in den Zug nach České Velenice steige, in meiner Handbibliothek nachgeschlagen. Durch die Handke Lektüre in den 70er Jahren bin ich auf Franz Kafka gestossen. 1985, damals in Frankfurt lebend, beschäftigte mich das Buch von Margarete Bubder-Neumann "Milena, Kafkas Freundin". Danach die ins Deutsche übersetzten Feuilletons und Reportagen von Milena Jesenská unter dem Titel "Alles ist Leben" (Dritte veränderte Auflage, 1990 - Verlag Neue Kritik) publiziert. Damals konnte ich noch kein Wort Tschechisch. Das ändert sich 1991 als ich nach Prag - aus beruflichen Gründen  - zog und meine tschechische Freundin Hana Pečová mir das von Jana Černá (Milena Jesenkás Tochter) verfasste Buch Adresát Milena Jesenská schenkte. Während meiner Berufstätigkeit in Prag  (1991 - 2012) nahm ich Ausstellungen und Lesungen wahr, die mich interessierten - doch zum intensiven Lesen, Studium hatte ich kaum Zeit, das änderte sich im Jahre 2012 als ich mich aus dem arbeitsintensiven Berufsleben - Aufbau der Österreich Werbung in Prag 1991 - 2000, Hotellerie - Grandhotel Bohemia, Hotel Josef, Hotel Maximilian 2000 - 2012 -  zurückzog.

Kafka, Ein Leben in Prag
Hartmut Binder, Jan Parik - KAFKA - EIN LEBEN IN PRAG

Hartmut Binder schreibt in dem Band  "KAFKA - EIN LEBEN IN PRAG" mit Fotos von Jan Parik: "Es war die Notwendigkeit, sich eine eigene Existenz aufzubauen, die Milena mit Kafka in Berührung bracht. Als sie beabsichtigte, deutschsprachige Schriftsteller ins Tschechische zu übersetzen, verwies Polak sie auf Kafka, dessen literarische Qualitäten er als einer der ersten erkannte. Als man sich im Oktober 1919 besuchsweise in Prag aufhielt, traf man Kafka zufällig in einem Kaffeehaus. Milena scheint ihn bei dieser Gelegenheit gebeten zu haben, ihr das Recht der Übersetzung seiner Werke ins Tschechische vorzubehalten. Bei dieser flüchtigen Begegnungen, die in die Zeit fiel, als er mit Julie Wohryzek verlobt war, war er von Milena sicherlich nicht besonders beeindruckt, wenngleich seine Briefe an sie erkennen lassen, daß ihm das Bäurisch-Frische ihrer Erscheingung, gleichzeitig aber auch ihre Zartheit und die Fraulichkeit ihrer Bewegung genauso in Erinnerung geblieben waren wie die Ungunst ihrer Wiener Verhältnisse, über die sich offenbar sehr freimütig geäußert hatte. ... Als erstes wurde "Der Heizer" fertig, der am 22. April 1920 in der Zeitschrift "Kmen" gedruckt wurde; am 16. Juli folgte "Unglücklichsein" und am 9. September weitere sechs Stücke aus der "Betrachtung". "Ein Bericht für eine Akademie" erschien am 26. September in der tschechischen Tageszeitung "Tribuna", "Das Urteil" schließlich 1923 in der Zeitschrift "Cesta". Milena plante einen Sammelband, der neben dem "Heizer", der "Betrachtung" und dem "Urteil" auch "Die Verwandlung" enthalten und von Max Brod eingeleitet werden sollte. Offenbar hätte diese Buchfassung von Kafka autorisiert werden sollen, denn Milena bat ihn um kritische Annotationen zu ihren Übersetzungen, die sicherlich in die Textgestalt des Sammelbands eingegangen wären. ... Als sich das Buchprojekt zerschlug, ließ Brod seine Vorrede unter dem Titel "Der Dichter Franz Kafka" in der November-Nummer 1921 der "Neuen Rundschau" erscheinen.
Auf Milenas Brief - sie hatte zweimal geschrieben - antwortete Kafka wahrscheinlich erst im April 1920, von Meran aus, und zwar in einem vergleichsweise kurzen Schreiben, in dem er freilich nicht nur auf die mit der Übersetzungsarbeit zusammenhängende Probleme zu sprechen kam, sondern sich auch, unter Bezugnahme auf ihre Briefe, darüber befriedigt zeigt, daß sich ihre Lebensbedingungen zum Besseren gewendet hatten. Er hatte inzwischen einen Erholungsurlaub angetreten ... 

Bald darauf, nachdem er ein zweitesmal geschrieben hatte, erhielt er einen Brief Milenas, dem ein Sonderdruck des eben erschienen "Heizers" beigelegt war. Ihr Schweigen entschuldigte sie mit einer Lungenkrankheit, die sie auf die Belastungen zurückführte, denen sie in Wien ausgesetzt war.
Das Schreiben löste in Kafka eine Periode der Schlaflosigkeit aus, wahrscheinlich weil er sich für Milenas Schicksal mitverantwortlich fühlte, jetzt, nachdem sie sich ihm anvertraut und sich für seine Anteilnahme bedankt hatte. Die Korrespondenz intensiviert sich schnell, zehn Briefe schreibt er ihr im Mai, fünfzehn im Juni, mehr und mehr dem Zauber Milenas verfallen. Sein Vorschlag, Milena solle mit seiner finanziellen Unterstützung Wien und ihren Mann verlassen, wird freilich abgelehnt. Schon Anfang Mai faßte er die Lage Max Brod gegenüber zusammen: "Sie ist ein lebendiges Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe, ein Feuer übrigens, das trotz allem nur für ihn brennt." Milena bittet darum, er möge die Rückreise aus Meran über Wien nehmen, während er über München fahren und in Karlsbad unterbrechen will, wo ihn Julie Wohryzek, seine zweite Verlobte, zu einem gemeinsamen Aufenthalt erwartet. Nach langem Hin und Her entspricht er Milenas Wunsch, angeblich nur, um sie durch seine persönliche Anwesenheit davon zu überzeugen, daß sie in seinen Briefen von ihm ein falsches, nämlich zu idealistisches Bild erhalten habe, das zu korrigieren sei.

Zwischen dem 29. Juni und 4. Juli verbrachte man vier gemeinsame Tage in Wien, die zweifellos den gefühlsmäßigen Höhepunkt der Beziehung bildeten. Nach Prag zurückgekehrt, trifft er sich sofort mit Julie, die, nachdem sie von seiner unwiderstehelichen Liebe zu Milena erfahren hat, neben der alles Bisherige verblasse, ihm die Erlaubnis abringt, mit ihrer Rivalin korrespondieren zu dürfen. .... Bis zum 14. August, wo man sich in Gmünd an der tschechisch-böhmischen Grenze wiedersieht, schreibt er ihr täglich, von einer Ausnahme abgesehen, wo er durch ausbleibende Antworten irritiert ist, oft sogar zweimal, fühlt sich in dieser Zeit, wie er am 12. Juli formuliert, "weniger zerrüttet" als während der ganzen Verlobungsjahre, die in Zürau verbrachten Monate freilich ausgenommen. Er unterstützt die Geliebte in dieser Zeit finanziell, durch Geschenksendungen und die Aufgabe von Zeitungsinseraten, die ihr neue Verdienstmöglichkeiten eröffnen sollen.

Das Verhältnis zu Milena ähnelte in mancherleit Hinsicht demjenigen zu Felice, auch nach Kafkas eigener Auffassung, war aber doch grundsätzlich anders geartet. Gewiß erschrieb sich Kafka in beiden Fällen die Liebe seiner Partnerin, die er vorher nur flüchtig kennengelernt hatte, und auch die von ihm in seinen Briefen verwendete Metaphorik, sein Rollenverständnis, der Verlauf der Beziehung und der Wunsch, die Partnerin durch seine Briefe rückhaltlos über sein Wesen aufzuklären, erscheinen hier wie dort: "ich kann doch nur immer der gleiche sein und das gleiche erleben. Anders ist nur, daß ich schon Erfahrung habe, daß ich mit dem Schreien nicht erst warte, bis man die Schrauben zur Erzwingung des Geständnisses ansetzt, sondern schon zu schreien anfange, wenn man sie heranbringt, ja schon schreie, wenn sich in der Ferne etwas rührt, so überwach ist mein Gewissen geworten" - so schrieb er am 18. September 1920 an Milena. ...

Das Wiedersehen am 14. und 15. August in Gmünd, das auf dauerndes Drängen Milenas zustande gekommen war, signalisierte Kafka, daß die Geliebte nicht mehr voll hinter ihm stand. Er, der geglaubt hatte, ihrer sicher zu sein, sah sich in dieser Erwartung getäuscht, fand sie teilweise ihm gegenüber gleichgülitg, fremd. ...

Hartmut Binder, Kafka - Ein Leben in Prag
Hartmut Binder, Jan Parik - KAFKA - EIN LEBEN IN PRAG

So ist es verständlich, daß er am 27. August an Milena schreibt, unter Anspielung auf den Vornahmen ihres Mannes, Ernst: "Die täglichen Brief schwächen statt zu stärken; früher trank man den Brief aus und war gleichzeitig (ich rede von Prag nicht von Meran) zehnmal stärker und zehnmal durstiger geworden. Jetzt ist es so ernst, jetzt beißt man sich in die Lippen, wenn man den Brief liest und nichts ist so sicher, als der kleine Schmerz in den Schläfen." ... Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Gmünd, am 17. August, hatte Kafka auf Bitten Milenas Jarmila aufgesucht, die, weil mit Willy Haas liiert, den Tod ihres Mannes verursacht hatte. Schon am 22. Juli hatte er zu einem Schreiben Jarmilas an Milena Stellung genommen, das diese ihm zur Kenntnis gebracht hatte. Das Urteil, das er damals über Jarmila abgab, muß Milena so mißfallen haben, daß er es schon am 27. des Monats förmlich wieder zurücknahm. Aufgrund des persönlichen Zusammentreffens mit Jarmila am 17. August, dessen Anlaß sich übrigens inzwischen erledigt hatte, kam es in den folgenden Tagen auf Jarmilas Initiative hin zu weiteren Kontakten mit Kafka, die diesen, offenbar noch ganz unter dem Eindruck des Monate zurückliegenden Vorfalls, zu Folgerungen verleitete, die Milena, gegen sonstige Gewohnheit, gegen ihn aufbrachten. Außerdem verübelte sie ihm, daß er in Gesprächen mit Vlasta, einer Mitarbeiterin ihres Vaters, in denen er eine Verbesserung ihrer materiellen Lage erreichen wollte, offenbar ungeschickt taktiert hatte. Kafka seinerseits deutete diese noch wenig bedeutsamen Verfehlungen in dem Sinne, sich der Geliebten nicht würdig erwiesen zu haben, fälschlicherweise an eine menschliche Ebenbürtigkeit der Partner geglaubt zu haben, sich also jetzt, nachdem seine Minderwertigkeit offenbar geworden war, still wieder in das schmutzige, einsame Dunkel verkriechen zu müssen, aus dem ihn Milenas Anruf irrtümlich hervorgelock habe. Der Mechanismus, der hinter dieser Interpretation seiner Beziehung zu Milena stand, war Kafka wohl bewußt, schrieb er doch darüber Mitte April 1921 an Max Brod: "sobald (...) irgendeine Kleinigkeit geschah, brach alles zusammen. Ich kann offenbar, meiner Würde wegen (...) nur das lieben, was ich so hoch über mich stellen kann, daß es mir unerreichbar wird. ...

Die Erkaltung der Beziehung zu Milena zeigt sich sehr deutlich im Briefwechsel. Zwischen Oktober 1920 und Kafkas Abreise zu einem längeren Kuraufenthalt kurz vor Weihnachten dieses Jahres hat er nur elfmal geschrieben. Nachdem zuerste Milena, dann er selbst versucht hatte, die Verbindung ganz abzubrechen, kam es in den folgenden Monaten nur noch zum vereinzelten Austausch von Briefen. Aber merkwürdiger Weise lebte das Verhältnis nach Kafkas Rückkehr im September 1921 auf einer anderen Ebene wieder auf. Milena, die sich mit ihrem Vater versöhnt hatte und seit Mai wieder in Prag wohnte, besuchte Kafka mehrfach. Nach der Aussage seiner Tagebücher handelte es sich um Krankenbesuche, die offenbar auch dem Zweck dienten, die gemeinsame Vergangenheit aufzuarbeiten. Sogar aus dem Jahr 1923 sind noch sieben an Milena gerichtete Briefe Kakfkas überliefert, in denen er hauptsächlich über sein Befinden und Veränderungen in seinen Lebensverhältnissen Auskunft gibt. In gewisser Beziehung vermittelt die Spärlichkeit dieses direkten schriftlichen Verkehrs in den Jahren 1921 bis 1923 sogar ein falsches Bild, denn Milenas populärphilosophischen Feuilletons, die Kafka genauso begeistert las wie ihre Modeartikel, waren vielfach eine Fortsetzung des Briefdialogs mit anderen Mitteln: Milena stellte sich bei der Abfassung ihrer Zeitungsbeiträge Kakfa als Leser vor, erwähnte ihn auch manchmal mehr oder weniger direkt, berichtete und kommentierte Geschehnisse, die er mitgeteilt hatte, oder problematisierte Beziehungsfragen. In seinen Briefen hat Kafka mehrfach auf diese Anspielungen geantwortet."

Auszüge aus dem Fotoband "KAFKA - EIN LEBEN IN PRAG", Hartmut Binder, Jan Parik - 1993, Mahnert-Lueg Verlag, Essen/München - Seite 197 - 206 XII MILENA .

 

Bücherregal Milena Jesenská, Franz Kafka

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Als Leserin werde ich zuhören in České Velenice , begleiten wird mich meine Kamera. Und in Gedanken nehme ich den Essay"Die Verlockung auf dem Dorte oder Die Jungfrau und das Ungeheuer" von Jiří Gruša mit auf die Reise.

Prag, 22. Juli 2021, Augnerin

PS: Gerne trinke ich einen starken Espresso in den von Jiří Laštovicka gestalteten Service der Manufaktur Thun-Studio,

Tagesrandbild

Übergang

14.9.2021 Wellengleich, mäandernd - rauf, runter, rollend. Wille zentriert, wohlwollend scheinend, bildet Widerstand. Versandet. Jedes Ende birgt einen Übergang in sich.

Zwischen (W) Orte

Lesepfad Bahntrassen

Bahnhofshalle Ceske Velenice

Reisend den Gedankenwegen von Büchern folgen, so dass sich ein eigener Lesepfad entwickelt. Absatzweise der Übergang von einem zum anderen Bahnhof*  in den Zwischenräumen verweilend, zeilenweise.