Rede bei der Gedenkfeier von Memorial Kärnten - Koroška
Valentin Hauser, 26. Oktober 2021, Klagenfurt

 

 

Mein Name ist Valentin Hauser, ich komme aus Griffen und war Bediensteter der Marktgemeinde Griffen. Nach meiner Pensionierung begann ich – auch auf Drängen meines Freundes Peter Handke hin – Bücher zu schreiben. Seit dieser Zeit begleitet mich die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dessen grauenhaften Auswirkungen ganz besonders. Und so freue ich mich, dass ich bei der heutigen Gedenkfeier einige Worte an Sie richten darf.

Das heutige gemeinsame Gedenken soll in erster Linie jenen etwa 3.200 Männern und Frauen gelten, die hier an der Gedenkstätte auf Glasplatten namentlich genannt werden und dem Naziregime zum Opfer fielen.

Es gibt aber noch viele Opfer und Opfergruppen der NS-Zeit, an die wir uns ebenfalls erinnern sollen:

Die etwas 1.000, im April 1942 zwangsweise ausgesiedelten Kärntner Sloweninnen und Slowenen. Man nahm ihnen alles: Ihre Heimat, ihre Würde, ihre Freiheit und manchmal sogar ihr Leben.

Die Widerstandskämpfer - die Partisanen oder die Wehrdienstverweigerer und Deserteure; da gab es den Spruch, der quasi Gesetz war: “Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben”.

Weitere Opfergruppen waren die Juden, Roma oder Sinti, oder die Zeugen Jehovas, oder Menschen aus sozialen Randgruppen - sie wurden als “Asoziale” bezeichnet.

Leute mit geistiger oder körperlicher Behinderung wurden als “unwertes Leben” zu Opfern der Euthanasie.

Zu den Opfern des Naziregimes gehören aber auch Männer und Frauen aus anderen Ländern, die als Kriegsgefangene oder als Zivilisten bei uns zur Zwangsarbeit verpflichtet und rücksichtslos ausgebeutet wurden. In Kärnten gab es während der NS-Zeit an die 60.000 Zwangsarbeiter*innen, die in verschiedenen Bereichen - zum größten Teil aber in der Landwirtschaft - eingesetzt waren und zu Arbeitssklaven degradiert wurden.

Neben tausenden verschleppten sowjetischen, französischen, italienischen und anderen Zivilisten waren auch unzählige polnische Bürger*innen in ganz Kärnten zur Zwangsarbeit verpflichtet.

Ich möchte hier über einige, wenige Einzelschicksale berichten; es handelt sich um junge polnische Zwangsarbeiter*innen, die 1940 und 1941 nach Griffen kamen und brutalen Verhören und Folterungen durch NS-Behörden ausgesetzt waren.

Hunderte Polinnen und Polen – sie wurden als “Polaken” bezeichnet  – kamen nach etwa zehntägiger abenteuerlicher Fahrt in Viewaggons am Bahnhof in Kühnsdorf an.

Etwa 60 wurden abgemagert und verwahrlost zum Gutshof Schloss Ehrnegg, südlich von Griffen transportiert, dann von NS-Ortsbauernführern zu den Bauernhöfen gebracht, bei denen wegen des Kriegseinsatzes kein arbeitsfähiger Mann mehr vor Ort war. Hier mussten sie ihre Zwangsarbeit, sehr oft unter unmenschlichen Bedingungen, verrichten.

Nun eine kurze Vorgeschichte, zur Ächtung der Polen in Griffen.

Im Spätsommer 1941 war Griffen Schauplatz einer Gräueltat, die aufgrund der Tragik rund um die Ermordung von sechs Menschen überregionales Aufsehen erregte.

Eine 41-jährige Mutter und deren fünf Kinder im Alter von zwei bis 12 Jahren wurden am 29. August 1941 in einer ärmlichen Keusche im sogenannten Wölfnitzgraben brutal ermordet. Der Familienvater befand sich zu dieser Zeit an der Kriegsfront in Frankreich.

Nach der entsetzlichen Mordtat war für die NS-Polizei und Gestapo sogleich klar, dass die, in der Umgebung zur Arbeit verpflichteten, polnischen Zwangsarbeiter die Tat begangen hätten, Dutzende Poliziste, Gestapo- und Gendarmeriebeamte nahmen innerhalb eines Tages 48 der rund 60 polnischen Landarbeiter aus der Umgebung von Griffen und Pustritz fest, brachten sie vorerst auf den Gendarmerieposten nach Griffen, wo sie verhört und danach ins Polizeigefangenenhaus nach Klagenfurt überstellt wurden. Die ersten Schläge erhielten die polnischen Mitbürger bereits bei ihrer Verhaftung, dann am Gendarmerieposten und ganz arg ging es im Gestapogefängnis in Klagenfurt zu, wo sie große Qualen und Demütigungen über sich ergehen lassen mussten.

 

Jurek Salejew, 18 Jahre, aus Warschau:

Jurek, dessen Eltern bei Kriegsausbruch von einer Bombe getötet wurden, kam auf einen Bauernhof nach Pustritz und erzählte seinen “Hausleuten” vom fürchterlichen Transport von polnischen Landsleuten nach Kärnten. Er meinte, dass Tiere besser behandelt wurden als die jungen Zwangsarbeiter*innen, die tagelang ohne Essen und nur mit selten mit Wasser versorgt und ohne Möglichkeit auf Körperhygiene in einem übervollen Viehwaggon eingesperrt waren. Am 1. September 1941 wurde Jurek am Hof seines Arbeitgebers von zwei jungen Gestapo-Männern in schwarzer mit Reiterhose, auf Hochglanz polierten Stiefeln sowie der am Ärmel getragenen roten Hitler-Schleife verhaftet. Jurek wollte sich eine Zigarette anzünden und bekam daraufhin von einem der Soldaten eine “Watsch’n”, dass die Zigarette in hohem Bogen davonflog. Kurz danach nahmen die Männer Jurek mit, er durfte sich weder umziehen noch bei den Hausleuten verabschieden. Nach einmonatiger Haft und Rückkehr auf den Hof seines Dienstgebers, war Jurek seelisch ein Wrack, er hatte zu niemandem mehr Vertrauen und redete kaum noch. Allmählich erzähle er doch von den Qualen im Gefangenenhaus mit den gemeinen und gewalttätigen Verhörmethoden.

 

Der 17-jährige Pole Stanislaus Zasada kam im Mai 1941 zum Bergbauern vulgo Arnold in Greutschach auf der Saualm. Stanislaus erzählte dem Arnold-Bauern - den er Vater nannte - von deutschen Soldaten, die in Polen erbarmungslos seine Eltern sowie seine Schwester gewaltsam mitnahmen und getrennt irgendwohin nach Österreich brachten. Er selbst wurde eines Tages mit anderen jungen Burschen in Tschenstochau regelrecht auf der Straße eingefangen und nach Kärnten deportiert. Einen Tag nach dem Mord im Wölfnitzgraben wurde Stanislau verhaftet und bekam am Marktplatz in Griffen - vor Hunderten von Menschen, die bei einer NS-Kundgebungen anwesend waren (oder sein mussten) - zwei kräftige Ohrfeigen, nur weil er seinen Bauern erblickte und ihm zuwinkte. Nach vier Wochen qualvoller Verhöre der Polen im Gefängnis in Klagenfurt geschah schließlich in St. Margarethen wieder ein Dreifachmord. Nur einen Tag danach wurde der Täter gefasst, der sogleich zugab, auch den Sechsfachmord in Griffen begangen zu haben. Das war die Erlösung für die inhaftierten Polen. Unmittelbar nach dem Mordgeständnis des Täters - es war ein 41-jähriger Landarbeiter aus Unterkärnten - wurden die 48 schwer gezeichneten polnischen Zwangsarbeiter auf einen LKW verladen und zurück nach Griffen gebracht. So auch Stanislaus, der als anderer, gebrochener Mensch zurückkehrte. Es dauerte nicht lange, da begab sich Stanislaus zu den Partisanen auf die Saualm. Einige Zeit später kam er, gekleidet in einer englischen Uniform, zurück vulgo Arnold und bat, für einige Tage in einem Versteck im Stall bleiben zu dürfen Nach kurzer Zeit im Versteck verschwand er wieder und nie wieder ein Lebenszeichen von ihm.

 

Tadeusz Piotrowski, 18 Jahre, aus dem Bezirk Warschau: Nach dessen einmonatiger Haft erzählte er über die unfairen NS-Verhörmethoden im Polizeigefängnis. Während der Einvernahmen wollten die uniformierten Beamten dem jeweiligen Polen mit allen Mitteln ein Mordgeständnis abbringen. Weil keiner die Tat begannen hatte und Folge dessen den Mord nicht zugeben konnte, gab es Beschimpfungen, Schläge und Tritte. Bei einer späteren Gerichtsverhandlung erklärte der Staatsanwalt, dass es beabsichtigt gewesen war, die  Polen systematisch einen nach dem anderen zu erschießen, wenn sich nicht einer zur Mordtat bekenne. Tadeusz erzählte auch von seinem 19 Jahre alten polnischen Freund Edward Gaspodarski aus Warschau, der im Gefängnis am meisten zu leiden hatte. Edward hatte stets einen grimmigen und furchterregenden Blick, trug überlange Haare und wirkte ungepflegt. Diese Eigenschaften und seine schroffe Art zu reden war wohl der Grund dafür, dass er von SS- und Gestapoleuten derart misshandelt wurde, dass nicht nur weinte und schrie - er hatte vor lauter Schmerz nur mehr richtiggehend gebrüllt. Nach seiner Entlassung aus dem Klagenfurter Gefängnis wollte Edward nicht mehr am Hof seines Arbeitgebers arbeiten, und wenn er einen Uniformierten sah, bekam er Panik und flüchtete. Nicht verwunderlich also, dass es nur Tage dauerte, bis Edward freiwillig zu den Partisanen auf die Saualm ging. Aus Aufzeichnungen geht hervor, dass Edward Gospodarski im Oktober 1944 ins KZ Dachau deportiert wurde und mit großer Sicherheit dort ums Leben kam.

 

Das waren kurze Erzählungen von einigen wenigen Schicksalen. Den 48 Polen wurde schreckliches Unrecht angetan, für welches sich nie jemand entschuldigte! Die zum Kriegsende noch in Kärnten lebenden polnischen Zwangsarbeiter*innen blickten traurig und resigniert einer unsicheren Zukunft entgegen und für so manche gab es keine Rückkehr, da die Familien ausgerottet und die polnische Heimat zerstört war. So blieben viele Polinnen und Polen lieber in Kärnten - auch einige bei uns in Griffen - sie wurden hier integriert und gründeten Familien.

 

Mit diesem zum Teil sehr schwarzen Bildern aus unserer Vergangenheit - unserer Geschichte - möchte ich wieder zurückkehren in die Gegenwart, die Gott sei Dank, geprägt ist von Friede, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Trotzdem möchte ich an Jung und Alt, einige Worte richten:

Die Frage ist nicht, kann so etwas wie vor etwa 80 Jahren im heutigen Europa wieder geschehen - die Frage ist - was können wir tun, damit so etwas nie wieder passiert!

Das Tor der schmerzvollen Vergangenheit möge uns den Blick für die Gegenwart und vor allem für die Zukunft öffnen. Ich empfinde es als unsere Verpflichtung, - heute und hier, immerwährend - dass wir rechtzeitig unsere Stimme gegen das Wiederaufleben von Faschismus, Nationalismus, Rassismus und Gewalt erheben. Laut und deutlich.

 

 

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1.12.2021 "Außerhalb der Meinung der anderen gelangen" - dieser Handke Satz aus dem "Gewicht der Welt" belebt mich. Den ruhig besonnten Begegnungsraum schaffe ich - in mir - zwischen den ziehenden Gedanken.

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"... und ich muss jetzt wieder weiter, weil mein Herz aus Freilandhaltung stammt." Danke Wortfront für dieses Lied, es begleitet mich,