Gescheitert

2024 - Kafkat & Milovat*

 

Aus einem Manuskript von Alena Wagnerová

 

Alena Wagnerová

 
Ein Gespräch über Franz Kafka in der
Lerchenfelderstr. 113, Wien, 6. Juli 1920


Rollen:
Milena Jesenská-Pollak
Ernst Pollak
Frau Kohler
Stimme: Franz Kafka

Manuskript, Seite 8
Ernst: Das kenne ich auch die Triade: Gescheit, gescheiter, gescheitert ...
Milena: (lacht) Ja, Du bist gescheit und gescheiter, und ich bin gescheitert ... hier ... in Wien ... unter hundertausenden ... nur die Armen verstehe ich ... Und dazwischen schreibt er mir jetzt - ich nenne ihn Frank so wie Du für mich Arnošt bist ...

Geschrieben im Frühjahr 2023 - Eine Vertonung vom Saarländischen Rundfunk ist für Juni 2024 geplant



Alena Wagnerova
Alena Wagnerová, Die Familie Kafka aus Prag (1997)

Alena Wagnerová hat 1997 im Bollmann Verlag "Im Hauptquartier des Lärms", Die Familie Kafka aus Prag, veröffentlicht: "Am 11. Juli 1924 findet auf dem Jüdischen Friedhof in Strašnice die Beerdigung statt. ...Mit Kafkas Tod verliert die Familie ihren wichtigsten Chronisten und Kommentator. Seite 184". 2003 erschien es in tschechischer Übersetzung von Lucy Topol'ská im Prostor Verlag. Die 1936 in Brno geborene Autorin, Übersetzerin hat sich literarisch eingehend mit dem Leben und Werken von Milena Jesenská, Sidonie Nádherný, Jarmila Mayerová-Hašková und mit den Schicksalen verschiedener Generationen aus dem tschechischen und deutschen Sprachraum auf dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei u.a. in dem Buch Helden der Hoffnung, auseinandergesetzt. In ihrem Essayband "Im Leben unterwegs", 2022 im Wieser Verlag erschienen, führt die Erzählung "Eine Landärztin" zu den weiblichen Nachfahren der Familie Kafka.

Alena Wagnerová
Alena Wagnerová, Sommer 2021 in České Velenice

Beim Lesen von Ein Gespräch über Franz Kafka macht sich mir ein Fenster zur damaligen Zeit auf: die Folgen des Ersten Weltkriegs (1914-1918) spürbar: das ehemalige K.u.K. Imperium auf die Republik Österreich geschrumpft befindet sich im Überlebensmodus, hingegen Aufwind in der 1918 neu gegründeten Tschechoslowakei.  Es gab Telefon- und Bahnverbindungen zwischen Prag und Wien und die per Post beförderten Briefe wurden 1920 schneller - als im Jahre 2024 -  zugestellt. Damals gab es noch Telegramme - eines Kommunikationsmittels, dessen Kafka sich bediente, wenn er ungeduldig auf eine Antwort von Milena wartete. Freudenhäuser und Stundenhotels, Kaffeehäuser gehörten zum Stadtbild von Wien und Prag. Zeitungen, Bücher, Fotostudios waren im Alltag verankert - Radiosendungen gab es noch nicht, Tonträger und Wiedergabegeräte wurden benutzt. 

Das Gespräch des Ehepaars Jesenská-Pollak vom 6. Juli 1920  in Wien - wird von dem nicht anwesenden Franz Kafka beherrscht, der von Ernst  früh als literarische Größe erkannt worden war. 1917 verbrachte Milena  wegen ihres Verhältnis zu Ernst - angeordnet von ihrem Vater Jan Jesensky - sieben Monate in der Nervenheilanstalt in Veleslavín. Schlussendlich willigte der Vater - unter der Bedingung, dass sie als Ehepaar nach Wien gehen würden - der Heirat zu. Ernst arbeitete in Wien als Devisenhändler und führte Gespräche über Literatur und das Weltgeschehen im Café Herrenhof. Milena gab Tschechisch-Unterricht und begann ihre Arbeit als Übersetzerin und Journalistin für Zeitungen in Prag. Durch ihren Ehemann aufmerksam geworden, begann Milena Franz Kafka ins Tschechische zu übersetzen und daraus entstand ein Briefwechsel, der in einem Wien Besuch von Kafka gipfelte.

 

Seite 9:
Ernst: In den Briefen zu lieben und zu versprechen, wie einfach es ist … Sicher, sie sind wunderschön, einmal werden sie Weltliteratur sein. Das kann ich Dir sagen ..

Seite 26:
Milena: Franz Kafka werde ich lieben und mit Ernst Pollak leben … Wäre es nicht die Lösung? Ist es ein so großer Unterschied zwischen lieben und leben? In dem Wort leben fehlt doch nur das kleine i als weiterer Buchstabe und das ist doch nicht viel. Aber mit Dir leben bedeutet auch, den Menschen Pollak zu lieben, aber mein Mann bist Du für mich nicht. (kleine Pause) Wie Du, als ich in Veleslavín in der Klapsmühle war, um mein Wohl gekämpft hast, ständig zur Hilfe bereit, Dich mit meinem Vater sogar duellieren wolltest, habe ich nicht vergessen; deswegen kann ich Dich nicht verlassen; aber gleichzeitig auch nicht aufhören, den anderen, Franz, zu lieben. …

 

Alena Wagnerová streicht in ihrem Stück hervor, wie unterschiedlich die Rollen der Geschlechter verteilt waren und es - vor allem in der Geschichte der Literatur - noch immer sind. Ihr Verdienst ist es, dass Milena Jesenská heute als Journalistin wahrgenommen wird und nicht bloss als eine der Briefempfängerinnen des Schriftstellers Franz Kafka. 

Ich werde mit dem Stück im Ohr wieder einmal den Weg gehen: Ein Spaziergang von der letzten Prager Wohnung Milena Jesenskás in der Kouřimská 2326  zum Milena Jesenská Park, weiter über die Izraelská  zum Neuen Jüdischen Friedhof an Kafkas Grab. Es war Milena Jesenská, die am 6.6.1924 für die Národny List einen Kafka Nachruf schrieb.

 

Milena Findeis, Prag, 5.3.2024

*milovat: aus dem Tschechischen: Lieben bedeutet, sich selbst und seinen Partner zu akzeptieren


NS: ChatGPT 3.5.  am 5.3.2024 /User

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Wann haben Milena Jesenska und Franz Kafka einander kennengelernt?

ChatGPT

Milena Jesenská und Franz Kafka trafen sich erstmals im Jahr 1920 in Prag. Kafka war zu dieser Zeit bereits ein etablierter Schriftsteller, während Jesenská eine junge Journalistin und Übersetzerin war. Die beiden begannen eine intensive, aber komplizierte Beziehung, die von Briefen und persönlichen Treffen geprägt war. Kafka war von Jesenskás Intellekt und Sensibilität beeindruckt, und sie entwickelten eine tiefe Verbindung, die jedoch nie zu einer traditionellen romantischen Beziehung wurde.

Da orientiert sich das von Alena Wagnerová im Frühjahr 2023 geschriebene Hörspiel näher an der Wirklichkeit, während ChatGPT aus verschiedenen Quellen eine allgemeine Antwort verfasst. Es zeigt mir, wie wichtig die Quellen sind, aus denen Informationen und Daten abgefragt werden. Weder war Kafka zu diesem Zeitpunkt ein etablierter Schriftsteller und getroffen haben sie sich 1920 in Wien.

 

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