Viktor Klemperer

Die Sprache der Gegenwart wurzelt im unbewussten Vergangenen

Victor Klemperer

Victor Klemperer, 21.7.1944

21. Juli 1944, Freitag gegen Abend

Ich saß bei der Disposition meiner Rosenzweig-Notizen – mühseligste Arbeit, noch immer und längst nicht fertig –, da kam wie tags zuvor um halb zwölf Alarm, erst kleiner, dann großer. Der Kelleraufenthalt war diesmal ein bißchen kürzer und ganz ohne Sensation, d.h. er war ganz ausgefüllt von anderer Sensation, vom Attentat auf Hitler. Vielleicht wird mir das in wenigen Jahren so fernliegen, eine so verschwommene Sache sein, wie mir heute die Bürgerbräu-Affäre von 39 fernliegt. Was war es damit, wer war der Täter, was war die Absicht etc. etc.?? Weder Eva noch ich können uns darauf besinnen, weil eben die Sache folgenlos blieb und so vom Nachfolgenden übermalt, verdrängt wurde. Vielleicht geht es mit diesem Anschlag ebenso, vielleicht aber ist er Wendepunkt. Der Miterlebende weiß nichts. Ich halte fest: Auf der Treppe sage uns Frau Witkowsky: Es sei eben bekannt geworden, daß ein Attentat verübt worden, im Hauptquartier durch namentlich aufgeführte, bereits erschossene deutsche Offiziere. Ich wandte mich mit dieser Nachricht, als einer absoluten Neuigkeit, im Keller an Neumark. Darauf er: Das stehe schon im »Freiheitskampf«, sei gestern geschehen, der Führer habe heute nacht im Rundfunk gesprochen. Er gab uns die Zeitung. Da stand das Attentat, die Namen der anwesenden und der verletzten Offiziere – aber nichts von den Tätern, nur die Vermutung, der Secret Service sei der Schuldige. Neumark fügte hinzu, von deutschen Offizieren munkele man (aber die Juden hätten besondere Vorsicht zu wahren, denn sie würden bestimmt beobachtet); die Frau Witkowsky sagte: Es seien aber eben »Extrablätter« mit den Namen der Erschossenen herausgekommen. Mehr und Authentischeres habe ich bis jetzt, sieben Uhr abends, im Judenhaus nicht erfahren können. Auch Stühlers rätseln. Er sagte: Vielleicht sei alles Lüge, weil ER sich in den Ruf der heiligen Unverletzbarkeit setzen solle Ich: Es wäre Selbstmord anzugeben, daß sich die Armee gegen den Führer gewandt habe, das sei ja nicht einmal im November 18 geschehen. Stühler: Vielleicht ist die Nachricht, deutsche Offiziere seien die Täter, falsch. Wie sollten sie, mitten im Hauptquartier? Und wie sollte der deutsche Rundfunk da zugeben? – So wenig wissen wir im Judenhaus, was vorgeht. – Eva ist bei der Kreislerin, vielleicht bringt sie Neuigkeiten mit. Und hoffentlich solche, die uns über den krassen Hunger der letzten Tage trösten und hinweghelfen. – Eben Musik vorbeimarschierender Soldaten; Stühlers berichten, e sei durch Maueranschlag Großkundgebung für Hitler angesagt. –

Nach acht Uhr

Hier – beim Semikolon oben – kam erst Katz, der einen Patienten im Haus hat und uns bei dieser Gelegenheit öffentlich besucht, danach Eva. Bis jetzt wissen wir: Hitler sagte heute nacht (steht in der Zeitung), eine »kleine Clique dummer Offiziere« habe ihn beseitigen wollen, seid aber schon unschädlich gemacht, ihn selber habe »die Vorsehung« bewahrt. Und dann im Widerspruch zum Unschädlichmachen: Er befehle dem Heer, keinerlei Weisung von Usurpatoren anzunehmen. Der Ausdruck Usurpatoren wiederholt. (Ich schlug im Lexikon nach = usu raperes). Ferne, er übertrage den Oberbefehl des Heimatheeres an Himmler. Soviel also Tatsache. Dazu Gerücht: Es sei irgendwo – Ort unbekannt – Unruhen, Flieger gegen Aufständische eingesetzt. Englischer Funk: Es herrsche »Bürgerkrieg« in Deutschland. Witz Professor Windes (Eigenfabrikat?): Ganz Deutschland stehe trauernd an Hitlers leere Bahre. – Katz erzählte: Der sehr nervöse Neumark und etliche andere Juden hätten heute Nacht schon den Koffer gepackt gehabt. Dazu sagte ich, und Katz schloß sich dem an: wozu Koffer packen? Wenn sie uns jetzt holen, geht es nich nach Theresienstadt, sondern an die Wand oder an den Galgen. Weiter sagte Katz noch, Kowno solle wirklich in russischer Hand sein und deutsches Grenzgebiet unter Artilleriebeschuß liegen. –

Ich will bis zum letzten Augenblick weiter beobachten, notieren, studieren. Angst hilft nichts, und alles ist Schicksal. (Aber natürlich packt mich trotz aller Philosophie doch von Zeit zu Zeit die Angst. So gestern im Keller, als die Amerikaner brummten.)

(...)

S. 548 - 550,  Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten, Tagebücher 1942 - 1945, Aufbau Verlag

Renatus Deckert Klemperer Lesungen

Renatus Deckert hält Lesungen über Victor Klemperer und freut sich über Unterstützung


21.Juli 2025
Morgens nach dem Aufstehen, als erstes im digitalen Abo des The Kyiv Independent gelesen. Um 8 Uhr zitiert Ö1 in den 8 Uhr Nachrichten einen Artikel aus dem The Kyiv Independent, der am 18.7.2025 publiziert wurde. Nächtens wieder russische Lufttangriffe auf die Ukraine. Ausschau halten nach Nachrichten von den Freundinnen, Bekannten, die nach wie vor in der Ukraine leben.
TheKyivIndependent2172025

 Wenn es um den Nahen Osten geht, höre ich Karim El-Gawhary zu:

Mein Medienkonsum? Radio hören, Ö1, gelegentlich Deutschlandfunk, die Programme vom Tschechischen Rundfunk, Sendungen von Radio Liberty, BBC. Da ich seit mehr als 20 Jahren kein TV Gerät besitze, zahle ich bei Youtube um mir die eine oder andere Dokumentation werbefrei anzusehen. Ein digitales Abo von Respekt, tschechisches Nachrichtenmagazin, digitales Abo The Kyiv Independet, zahle für Krautreporter, Beiträge auf Substack. Bevorzugte Informationsquelle: Bücher. Jene, bei denen jenseits von »Erfolg«, »Steigerung des BIP«, »Glücksversprechen«.... 

»Googles KI fasst Suchergebnisse zusammen, Nutzer müssen keine Links mehr klicken: Es ist die nächste Kapitalisierungsstufe von Information. Carl Christian Müller und Tori Gleisinger »

Was suche ich in Nachrichten, Berichten - die Bestätigung meiner Ansicht, oder bin ich bereit, mich auf Neues einzulassen? Der bequeme Verstand bevorzugt es, in alten Mustern zu verweilen. 
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