Adam Bronstein

In brüchigen Zeiten sind Bücher Haltegriffe, in der Kälte der Außenwelt erwärmen sie das Innere.

Tagebuch eines Kapitalisten

«Eigener Geschmack ist so selten wie eigenständiges Denken und genauso wertvoll.»

Adam Bronstein

 

Die Herren über Wiens Schanigärten, die Oberkellner, sind wie Krokusse. Sie sind auf liebenswürdige, lebensgefährliche Weise voreilig. Wenn nach monatelangem Frost die Sonne zum ersten Mal wiederkommt, stecken sie gleich die Köpfe aus der schützenden Erde und den schützenden Räumen. Die Krokusse stellen steil die Blüten auf, die Oberkellner stellen die Café-Möbel aufs Trottoir, zur Sonne, zur Sonne.
Seite 7

Die wirklich Lesenden neigen dazu, sich in hoffärtiger Manier als Stand zu begreifen. Da ich einer der ihren bin, stimme ich dem zu. Ja, ich neige stärker noch als der eitelste meiner Genossen dazu, unsereinen auf eine Wolke zu heben. Es ist eine seltsame Wolke, noch niemals vermessen und kartografiert, und doch von großkontinentaler Räumlichkeit: Ein ausgedehntes Asyl auch für den Geringsten, sofern er imstande ist, dem Lauf einer Handlung zu folgen, ein volles Kapitel in einem Zug zu lesen, ohne zu ermüden, und der Versuchung zu widerstehen, dabei die Lippen zu bewegen und den Zeigefinger über die Zeilen zu führen. 
Seite 14

Es hat keinen Sinn, die Autoren, deren Figuren und deren Leser eifrig auseinanderzuhalten. Sie gehören zusammen, mischen sich in oft eigenartigster Mesalliance, ergeben miteinander den Stand, der »Literatur« heißt, freilich jedweder Standesdefinition sich entzieht. Er kennt nicht hoch noch tief, ihm ist kein einziger zu gut und kein einziger zu schlecht. Er ist vertikal niemals durchdacht und horizontal niemals durchschaut worden. Eine Liebe zu Paul Celans Gedicht »Es war Erde in ihnen« verbindet vielleicht den herabgekommenen Stammgast einer Likörstube und einen zufällig dort hineinverwehten Elegant, der im anrüchigen Milieu eine Sensation seiner Nerven sucht. 
Seite 16


HorowitzinMoskau
Erst will ich, so dachte ich, diese Klavierstücke genau kennen, die Vladimir Horowitz nach 60jähriger Abwesenheit von seiner Heimatstadt Moskau im Konzertsaal des dortigen Konservatoriums spielte. Ich wollte alles darüber lesen, was sich finden konnte, und wollte seine Interpretation von Scarlatti und Mozart, Rachmaninov und Scriabin, Liszt und Chopin, Schumann und Moszkowski so lange anhören, bis die Musik in mir drin war und ich sie vom Spiel anderer Pianisten deutlich auseinander halten konnte.
Seite 32 (Während ich Passagen aus dem mir vorliegenden Buch »Tagebuch eines Kapitalisten« abtippe, höre ich die geschenkte CD und fühle es wieder, beglücktes Sein.)


Asbach UraltIch freue mich, anders als meine Freunde, schon sehr darauf, alt zu sein. Nicht, alt zu werden, aber alt zu sein. Ich denk' mir das schön, wie ungeheuer wunderlich ich sein werde. Ich werde meinen Freund Helmut auf der Straße mit Franz anreden und ihm lebhaft verwirrende Sachverhalte vortragen. Viele Fragen werde ich stellen, die deine Fragen an Einfalt übertreffen. Ich werde oft lethargisch sein, dann wieder unvermittelt großes Temperament zeigen und mit meinem Spazierstock aufgeregte Gebärden machen. Ich werde mich mitten im Satz murmelnd von meinem Gesprächspartner entfernen und für Wochen nicht auffindbar sein. Man wird darüber befremdet sein. Man wird sagen, er ist jetzt alt, der Arme, der Gute, man sieht das recht deutlich. Man wird mich sehr gern haben. Wenn ein Gescheiter ein bißchen blöd wird über Nacht, gibt es ja neue Sympathien. Man wird mich beim Spazieren unter dem Ellbogen fassen, die kunstvoll auf meinem Rock verstreuten Aschenbrösel entfernen, gerührt die Schuppen vom Kragen fegen, und man wird mich über Straßen geleiten, die zu überqueren ich nicht vorhatte. Manche werden mir im Göttweiger Stiftskeller ein Achtel zahlen, denn die Melange im Sacher,die wird dann nicht mehr konvenieren. Ich gehe bei all dem natürlich aus, daß ich geistig rege bin und dies alles mit großer Boshaftigkeit inszeniere, um in meinem selbstgeschneiderten neuen Kleid die Menschen noch besser kennenzulernen. Wie ein kleiner Gott werde ich mir zu neuer Identität verhelfen, zu einem zweiten Leben.
Seite 50

Überlegen wir dies: Es gibt unter uns noch Frauen und Männer, die 100 Jahre alt sind. Sie erlebten die Blütezeit des Eisenbahnbaus. Und sie erlebten die allmähliche Ausbreitung des elektrischen Lichts. Dieses verdanken wir so wie Glühlampe Thomas Alva Edison, in dessen Jugendzeit noch alle Wohnungen wie Ställe mit Petroleumlampen erleuchtet waren. Heute gibt es Autos, Fertigsuppen in Packerln, Fernsehen, künstliche Befruchtung, Klimaanlagen, und wir sind auf dem Mond. Ein Hundertjähriger, ja ein Achtzigjähriger, dem nicht das Entsetzen die Sprache lähmte, müßte eigentlich die Ausnahme sein, ist aber die Regel. Der menschliche Geist ist belastbar, seine Anpassung überwältigend, seine Möglichkeiten unerforschlich groß.
Seite 52

Umso mehr widert es mich an, daß in einer Zeit, in der die Autos noch haargenau so funktionieren wie schon vor achtzig Jahren, allein der Übergang von der Elektrik zur Elektronik alle Jungen und mittelalterlichen Mächtigen heulend in eine Ecke treibt. Nur wenige sehen darin eine natürliche Entwicklung. Nur wenige darin eine natürliche Chance. Die meisten haben sich dazu entschlossen, kollektiv zu winseln.
Hut ab vor allen Alten.
Hut auf vor uns Jungen.
Seite 53

Die deutsche Sprache hat ihre reichen Seiten, aber auch ihre aperen Stellen. Das Wort Sinn hat so viele Bedeutungen, daß man immer dazusagen sollte, welchen man gerade meint. Sogar beim Lebenssinn muß man unterscheiden. 
Den passiven Sinn des Lebens: Zu welchem Zweck wurden wir dem Universum in die Wiege gelegt? Den aktiven Lebenssinn: Was können wir dazu tun, unserem Leben einen eigenen, aus uns selbst kommenden Sinn zu geben?
Viel nicht, fürchte ich. Diese Aufgabe fordert uns zwei Fähigkeiten ab, die kaum miteinander vereinbar sind, sondern einander im Wege stehen.
Erstens die Fähigkeit, die Endlichkeit unseres Lebens zu begreifen – und daher nicht Schindluder zu treiben mit der wenigen Zeit.
Zweitens die Fähigkeit, die Grenzen unserer körperlichen und geistigen Energien zu begreifen, daher geduldig zu sein und in kleinen Schritten vorzugehen.
Begreiflicherweise kommt es oft zu einem entsetzlichen Durcheinander. Der Gedanke an den Tod führt zur Ungeduld. Man sieht sich schon am Sterbelager liegen und die Worte eines Berühmten nachbeten, dessen Name mir entfallen ist: »So viel noch zu tun, so wenig getan.«
Oft kommt es zu einem ständigen Wechselbad von Hektik und Resignation. Wir wechseln zwischen anspruchslosen Leerzeiten und anspruchsvollen Zeiten der Raserei – und enden damit zwangsläufig im Mittelmaß.
Am Gedanken der disziplinierten Kontinuität führt wahrscheinlich kein Weg vorbei. Die guten Romane entstehen nicht so, daß der Autor eine Woche nichts und am Sonntag zwanzig Seiten schreibt, sondern so, daß er jeden Tag drei Seiten verfaßt und den Rest den Tage damit zubringt, die dabei verbrannte innere Substanz wieder aufzubauen.
Das Leben BEWUSST in Ebbe und Flut, Arbeit und Muße, Mechanik und Meditation einzuteilen, ist vielleicht der einzige Weg, sinn-voll zu leben. 
Erich Fromm glaubt, daß vor allem Väter und Mutter gefährdet sind, ihr Sinn-Ego aufzugeben. In »Die Kunst des Liebens« schreibt er: »Wenn jemand das Gefühl hat, daß es ihm nicht gelungen ist, seinem Leben einen Sinn zu geben, versucht er, den Sinn seines Lebens im Leben seiner Kinder zu finden. Aber dies wird zwangsläufig für einen selbst UND hinsichtlich der Kinder scheitern. Für einen selbst scheitert es, weil jeder sein Existenzproblem nur für sich selbst lösen und sich dabei keines Stellvertreters bedienen kann; hinsichtlich der Kinder scheitert es,weil es einem eben an jenen Eigenschaften fehlt, die man brauchte, um die Kinder auf deren eigener Suche nach einer Antwort anleiten zu können.«
Seite 58

Manchmal denke ich auch heute noch an den Begriff unendlich und bin traurig, daß wir so klein sind.
Immer öfter aber denke ich, daß wir uns großartig halten.
Daß wir mit einem Hinrichtungsbefehl auf die Welt gekommen sind, aber trotzdem nie unseren Schmäh verloren haben, ist ein wunderbares Mysterium.
Seite 59

Es bringt hohen Gewinn, sich seine Gesellschaft sorgfältig auszusuchen. Die großen Denker lohnen immer, ob man sie nur liest oder im Fernsehen sieht oder das Privileg hat, sie selbst zu sprechen. Als Metapher fällt mir ein: Nur auf dem Berg sehe ich auf den Grund. Da ich mir in dieser Tagebuchnotiz vorgenommen habe, bescheiden zu werden, bezweifle ich, daß dieser schöne Satz von mir stammt. Wahrscheinlich habe ich ihn irgendwann angelesen. Sollte er dennoch auf meinem Mist gewachsen sein, will ich mich herzlich bei mir entschuldigen.
Seite 72

Auf Praslin, einer der Inseln der Seychellen-Gruppe wächst eine gespenstische Frucht. Die heißt Coco-de-mer, Meereskokosnuß oder Doppelkosnuß. Sie ist absolut und rundum authentisch dem schönen weiblichen Unterleib nachempfunden. Mit einigem Recht wird sich der Schöpfer gedacht haben, daß es Entwurfsideen gibt, die man öfter verwerten muß. Diese Frucht fasziniert natürlich und weckt die allergrößte Hoffnung als Aphrodisiakum. Kaiser Rudolf der Zweite verzehrte sich nach dem Besitz einer derartigen, übrigens auch von der Größe dem Vorbild vergleichbaren Nuß.  Er bot im 17. Jahrhundert für ein einziges Stück 4000 Gulden, Goldgulden, wurde aber, wie es im Verwaltungsakt des Hofes heißen dürfte, abschlägig beschieden.
Das gibt uns Anlaß, doch an die gute, alte Zeit zu glauben. Ich fürchte, daß heutzutage keine 4000 Goldgulden nötig sind, eine Coco-de-mer zu erwerben. Schlimmer: Ich weiß es, und muß mir daher vorstellen, wie die eine oder andere Frucht einen schönen, fairen Platz fand, in Wiener Wohnungen, zwischen dem Berghütl aus Altaussee und der altmexikanischen Maske.
Seite 77

Da ich vom Land komme und dort meine Wurzeln habe, wünschte ich, dies wäre alles, was ich für die Stadt und gegen das Land vorbringen kann.
Aber die Stadt hat noch andere Vorteile. Sie ist niemals so ekelhaft vollkommen wie das ländliche Dorf und die rundherumlaufende Natur.
Ich liebe den gesprungenen Beton, den regennassen Asphalt und die schadhaften Neonlichter der Stadt, weil sie mich als Menschen größer machen. Wo immer ich hinschaue, sehe ich vieles, was ich verbessern kann.
Die Natur hingegen demütigt mich ohne Unterlaß. Sie ist perfekt.
Die Schmetterlinge, Kühe und Löwenzähne sind zweckmäßig und schön. Kein Mensch könnte sie besser machen. So spielt mir die Natur Wochenende für Wochenende ihre Vollkommenheit aus und ich weiß dann nie, warum ich auf der Welt bin. Gleichgültig verfolge ich den Kampf des weißen Knöterichs, der mörderisch die Sonnenblume umschlingt, weil ich weiß: Da kann ich nichts tun, der liebe Gott bestimmt den Sieger. 
Aber ich darf mich furchtbar aufregen, wenn ich, so wie jetzt gerade, erfahre, daß der berühmte Wotruba einen der letzten grünen Zipfel der Wiener Innenstadt mit einer noch so gut gemeinten und noch so genialen Skulptur versteinern will.
Bei den Sonnenblumen ist meine Chance, einzugreifen, exakt Null.
Beim Wotruba ist meine Chance minimal.
In der Sprache der Mathematik ist MINIMAL unendlich viel mehr als NULL.
Seite 95

Ein Zeichen für maßlose Leere ist immer, wenn ich rasch und ziellos gehe. Das wärmt wenigstens den Körper, und wenn ich vom Donaukanal die sanfte Steigung der Marc-Aurel-Straße und der Tuchlauben und des Kohlmarkts hinaufstiebe, möchte ich mich fast immer kurz vor dem Michaelerplatz erleichtern. Früher dachte ich, das liegt vielleicht am Loos-Haus. Wahrscheinlich bin ich der letzte Wiener, dem es noch immer nicht gefällt. Ich habe aber Grund zur Annahme, daß ich irgendwie am Klo des Demel hänge, das ich dann immer wortlos aufsuche. Fast immer gehe ich auch wortlos wieder. Einmal von zehnmal setze ich mich ins Rauchzimmer und konsumiere etwas, aber das ist die Ausnahme. Vor allem an den vollkommen leeren Tagen kaufe ich dem Demel kein Krümel ab.
Seite 106

Tagebuch eines KapitalistenDie Tage, an denen ich Menschen traf, die einer Beschreibung würdig waren, scheinen im nachhinein die gewinnbringenderen gewesen zu sein, während jene, in denn ich mit glühender Verehrung einen phantastischen Bogart-Film renzensierte oder die Landschaft Norditaliens für meine alten Tage festhielt, en wenig akademisch und blutleer wirken.
Seite 134

Und so lernte ich in jungen Jahren, zuzuhören – eine Fähigkeit, die weit stärker als jedes angeborene Talent dazu beitrug, daß ich mir heute ein warmes Mittagessen leisten kann, sooft ich mag.
Seite 136

Wenn man Spannungen zwischen Menschen nicht aushält, sie aus dekadenter Harmonie-Gier aus der Welt schaffen will, verneint man den Einzelmenschen und flüchtet in die warme Geborgenheit des Wortes WIR, so als wären wir damit alle zwischenelektrischen Probleme, alle Blitzschläge zwischen dir und mir Vergangenheit.
Seite 192

Es gibt kein schrecklicheres Ahnl als jahrelang unterdrückte Spannungen, die aus unserem Denken verjagt wurden, aber im Unterbewußtsein herumtoben wie eine unbestimmte Gefahr.
Seite 194

23. Dezember 1980: Habe mich von den aufgeregten Weihnachtskäufern abgesetzt. Sitze mit Lektüre in einem kleinen Café. In einem schmalen Band von Jean Paul fand ich den einen Satz: »Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist.«
Seite 208


Jahrzehnte sind vergangen, als ich das Buch zum ersten Mal in Händen hielt, einst in Frankfurt. Alt sein spüre ich morgens beim Aufstehen,vieles hat sich gewandelt in mir und um mich herum. Danke für die mich wärmenden Zeilen.  Einst und jetzt in Prag.  »Tagebuch eines Kapitalisten« erschien 1988 im Orac Verlag. Schutzumschlag und Gesamtgestaltung Bronislav Zelek mit einem Vorwort von Herbert Völker: »Aus hundert Beobachtungen des Lebens kommt Bronstein zu der Überzeugung, daß es nur wenig bräuchte, um eine bessere Gegenwart und Zukunft zu schaffen: Mehr Selbst-Verständnis, mehr Selbst-Ironie, mehr Güte und Toleranz«.
Prag, Dezember 2025, Milena Findeis

 

 

 

 

 

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