Erinnerungen, geweckt - ZeitZug: Czernowitz - Prag - Wien, Iryna Vikyrchak (rechts), Tscho (Mitte) Milena Findeis (links)
Martin Krusche postet täglich zwischen fünf und sieben Beiträge, vernetzt diese vielerlei. Eines seiner Projekte ist mit »Causa Bachmann« betitelt. Das erinnerte mich daran, dass in dem zweisprachigen Gedicht- und Fotoband »ZeitZug: Czernowitz – Prag – Wien« sich eines meiner Gedichte auf Celan/Bachmann bezieht. Dieser Band wurde 2011 in deutscher und ukrainischer Sprache von Meridian Czernowitz herausgegeben. Das Design wurde von Tscho Findeis, Grafiker, in Graz erstellt. Nach der Präsentation in Czernowitz, September 2011, waren wir am 22.11.2011 in Klagenfurt von Udo Puschnig zu »Blickpunkt Czernowitz« eingeladen.

Repräsentationssaal der Kärntner Landesregierung in Klagenfurt, 22.11.2011 - Ins Publikum geschaut, vom Podium aus
Seit 2011 hat sich entlang des Dnipro viel verändert. Das für mich Wesentlichste, die Ukraine wird seit 2014 von Russland angegriffen. Iryna, die erste Direktorin des Literaturfestivals Meridian Czernowitz, hat 2012 Czernowitz verlassen und ist in Sachen Literatur weltweit unterwegs. Bruder Tscho hat sich als stiller Betrachter in seine Vogelwelt zurückgezogen. Ich war das letzte Mal 2022 in Czernowitz gemeinsam mit Claus Löser und Jakobine Motz; schön war das Wiedersehen mit Petro Rychlo, der meine Gedichte ins Ukrainische übersetzt.
Einer der geistigen Väter des Festivals, Igor Pomerantsev ist 2025 von Prag nach Poděbrady gezogen und war im September 2025 erstmals persönlich nicht während des Festivals in Czernowitz. Der Weg vom Einfall, auf einem Prager Küchentisch im Jahre 2009, dehnt sich weiter in die Zukunft hinein, mit neuen Akteuren.
Zerfall? Da kommt mir das Prague Writers’ Festival in den Sinn, dort hatte ich von 2000 bis 2012 ehrenamtlich mitgearbeitet. Der Initiator, der aus New York stammende Dichter Michael March, ist im Februar 2025 gestorben.
Heinz Patzak hat mich in den Jahren 2014 bis 2020 kontaktiert, ich half ihm bei der einen oder anderen Recherche für das von ihm geplante Buchprojekt »Böhmens beseelte Landschaften«. Ingeborg Bachmanns Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ entwirft eine Utopie friedlicher Koexistenz. Diese Vision wird im böhmischen Barock und der Figur der Bildhauer Georg und Franz Patzak Patzak historische Realität.
Ich plane höchstens noch einen Monat im Voraus, um meinem Alter entsprechend situationselastisch zu agieren. Bedingt durch die Begleitung einer an Demenz erkrankten Angehörigen hat mein Leben wieder eine neue Dimension hinzugewonnen, die einen Großteil meiner Zeit beansprucht.
Milena Findeis, Prag, 25. April 2026
Petro Rychlo
„SIE SAGTEN SICH HELLES UND DUNKLES“
Dass Paul Celan und Ingeborg Bachmann sich in den ersten Nachkriegsjahren in Wien getroffen haben und zu einem Liebespaar wurden, war seit Langem bekannt. Doch ihr Briefwechsel, der Genaueres über diese Beziehung sagen konnte, war viele Jahre hindurch gesperrt: Celans Briefe im Bachmann-Nachlass der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, Bachmanns Briefe im Celan-Nachlass des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Es fehlte nicht an Versuchen, den Zugang zu diesen Beziehungen durch die im Werk beider Dichter hinterlassenen Spuren zu finden. So entdeckte man schon früh klare Korrespondenzen zwischen einzelnen Gedichten von Celan und Bachmann. Das wohl krasseste Beispiel intertextueller Beziehungen beider Dichter stellt bekanntlich Bachmanns Roman Malina dar – „eine einzige Anspielung“ auf Celans Gedichte, wie Bachmann selbst es einmal formulierte –, insbesondere die nachträglich integrierte Legende Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran mit vielen Celan-Zitaten, hauptsächlich aus dem Band Mohn und Gedächtnis. Sigrid Weigel bietet in ihrer Monografie über Ingeborg Bachmann eine ausführliche synoptische Übersicht von einzelnen Zitaten und Paraphrasen aus Celans Werk, die dann in den Gedichten Bachmanns umgeformt auftauchen.

Seite 66 Aus dem Gedichtband, ZeitZug, Text und Foto, Milena Findeis, 2011
Universität Czernowitz, links Petro Rychlo zeigt einer Kollegin den Bild- Fotoband ZeitZug, zweisprachig, Deutsch, Ukrainisch, 2013
